Die Kette der Peinlichkeiten
Hier passt mal der durch die NEON zum geflügelten Satz avancierte Ausspruch: “In was für einem Land leben wir eigentlich?!”
Vor zwei Jahren entscheiden sich 9 Feuerwehrmänner aus Groß Gaglow bei Cottbus nach einer Feuerwehrübung, auf die Polohemden, die sie bei Feuerwehrübungswettkämpfen im Umland als Zeichen der Zusammengehörigkeit tragen wollen, den Spruch, den Hitler 1938 in einer Rede an seine HJ richtete, zu drucken:
Flink wie die Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl.
Weil man ja auch selber flink, zäh und hart sei, das passt ja dann. Von Hitler hatte man wahrscheinlich schon mal was gehört, aber wahrscheinlich in ganz anderen Kontexten auf dem Brandenburgischen Dorffest, wo die NPD ihren Sonnenschirmstand hatte.
Das ist dumm, aber gegen Dummheit kann man eben selten etwas machen, außer vielleicht lesen oder in der Schule aufpassen oder so. Und außerdem ist es auch nur die Ausgangslage, an der sich die erwähnte Kette der Peinlichkeiten erst auffädelte und die ganz schön viele Glieder hat.
Gemerkt hat nämlich niemand was. Weder Verwandte, Bekannte, Freunde oder Wettkampfkollegen, die wahlweise den Feuerwehrmännern, die Polohemden tragend, im Wettkampf gegenüberstanden, als Publikum zugegen waren, die besagten Polohemden in der Waschmaschine wuschen, sie aufhängten, auf der Wäscheleine im Garten baumeln sahen oder irgendwie anderweitig diese Polohemden zu Gesicht bekamen, wohlgemerkt zwei Jahre lang. Ich weiß zwar nicht, wie oft solche Feuerwehrübungswettkämpfe durchschnittlich pro Jahr stattfinden, man kann aber sicherlich davon ausgehen, dass ein paar Hundert Leute diesen Aufdruck erblickten, ohne dass auch nur einer wenigstens stutzte.
Gemerkt hat auch keiner was auf dem Feuerwehr-Wettbewerb in Lübbenau am letzten Wochenende, jedenfalls weder der verantwortliche Feuerwehrleiter Manfred Mrose, noch eine der 27 anderen Mannschaften, noch einer der einigen hundert Zuschauer, noch die Herren und Damen Landtagsabgeordnete Schippel [SPD] und Schier [CDU]. Da musste erst der Lübbenauer Pressesprecher Hans-Joachim Schiemenz kommen, Fotos machen und Mrose sowie die Politiker/innen auf den textilen Fauxpas aufmerksam machen, nur um dann festzustellen, dass hier gar nichts gemacht wird, weil man ja die schöne Veranstaltung nicht stören wolle.
Erst am Montag mussten die neun Groß Gaglower beim Cottbusser Ordnungsdezernat antanzen. Die Konsequenzen: Polohemden her, Fünf-Punkte-Erklärung unterschreiben, dass man nicht rechtsradikal ist, Hinweis, sich doch mal an der Vorbereitung eines Einwandererfestes zu beteiligen und Erwägung, zukünftig deutsche Geschichte in den Lehrplan für Feuerwehrmänner aufzunehmen.
Das Ermittlungsverfahren wegen Zeigens verfassungswidriger Zeichen wurde fallengelassen und der tapfere Herr Schiemenz, der jetzt verbieten lassen will, dass Feuerwehrmänner öffentlich getragene T-Shirts bedrucken lassen können, kann sich jetzt den Vorwurf gefallen lassen, man hätte das ja jetzt nicht so aufbauschen müssen, schließlich seien die betroffenen Feuerwehrmänner schon immer faire und kameradschaftliche Gesellen gewesen und sowieso noch nie unangenehm aufgefallen.
Folgende Fragen hätte ich dann doch gern noch beantwortet:
- Sollte angesichts der schlimmen bildungstechnischen Gesamtsituation nicht erwogen werden, deutsche Geschichte in ALLE Brandenburgischen Lehrpläne, nicht nur die der Feuerwehr aufzunehmen?
- Wo kam überhaupt dieser Spruch her? Aus dem Lexikon, dem Internet, dem Fernsehen? Da man aufgrund des geringen IQ’s nicht davon ausgehen kann, dass die sich das tatsächlich aus dem EIGENEN GEDÄCHTNIS geschraubt haben, müssen sie es sich doch irgendwo hergeholt haben. Und sowas steht doch nicht kontextlos irgendwo auf einer Milchtüte gedruckt!
- Ist man selbst und sind alle anderen rechtsRADIKAL, wenn man sowas unbehelligt drucken lässt und zwei Jahre lang damit rumlaufen kann oder sind einfach alle Menschen ein bisschen rechts, sodass der Durchschnitt nach oben anzieht und damit auch die Wahrnehmung?
- Was zur Hölle ist ein Einwandererfest, an dessen Vorbereitung man sich ja mal beteiligen könne?
- Und hat Brandenburg wirklich so wenig zu bieten, dass der Abbruch eines schönen Feuerwehrfestes gleich einen Volksaufstand oder zumindest todesnahe Langeweile heraufbeschwören täte?
- T-Shirt-Bedrucken verbieten? Häh?
Hallo, guten Morgen, Deutschland, wie Horst Evers immer so schön sagt.
[All the weird facts once again here.]
“Ein frohbuntes Schamlosigkeitsbehältnis”
Die große Elfriede Jelinek äußert sich zu Amstetten. Wenn nicht die, wer dann, und was da rausgekommen ist, ist ein Stück politische Prosa, das heißt Die Verlassenen und ist ein punktloses Plädoyer für Frauenrechte, die übrigens auch Menschen sind. Lesen!
Eine Woche Magdeburg
Der Kerl sagte die ganze Woche über: “Es ist, als sei man um dreißig Jahre gealtert”, und recht hat er. Nichts Nützliches steht mehr in den gutbürgerlichen Wohnungen von Mittfünfzigern, die es geschafft haben, außer Ausstellungsstücke zum Ansehen und Draufsetzen, um zu entspannen. Die Schwiegereltern waren auf Mauritius, denn man gönnt sich ja sonst nichts zu rundem Geburtstag und Silberhochzeit. Und da der Sofa-, Bett- und Kuscheldackel - in seiner Funktion als Kindersatz nach dem Auszug der Söhne - zwar Salamistücken beim Abendbrot in das bettelnde Maul geschoben kriegt, auf der Dodo-Insel aber deplatziert ist und das Langstreckenfliegen ihm nicht gut zu Gesicht steht, bekamen wir die Aufgabe, ihn der Großmutter nach zwei Wochen Urlaub abzunehmen und unsererseits in der Herrchen- und Frauchenwohnung in Magdeburg die letzte Ferienwoche zu verbringen, mit ihm, dem depressiven Dackel.
Denn er betrat seine Heimstatt und es roch zwar alles nach Herrchen und Frauchen, aber deren Körper weilten ganz woanders, was den Dackel veranlasste, die Hoffnung ganz aufzugeben, sich zurückzuziehen in sein Körbchen, schlecht zu essen und uns ständig mit vorwurfsvollen Blicken zu strafen, weil wir da waren, ihn fütterten und Ausflüge in den schönen Elbpark machten mit ihm, aber eben nicht Herrchen und Frauchen waren. Nach vier Tagen waren sie immer noch da, die vorwurfsvollen Blicke, aber Ignoranz hatte sich in Anhänglichkeit verwandelt, als seien wir, auch wenn schon nicht die Lieblingsmenschen, dann doch immer noch besser als überhaupt kein Mensch, und man muss ja auch nehmen, was man kriegen kann.
Der Kerl schaut doof aus der Wäsche.

Der Kerl und der Dackel im gleißenden Antlitz der Sternbrücke.

Frau Ana kann nie vernünftig gucken.

Der Kerl und der Dackel spielen.

Mäjestätischer, aber leider depressiver Dackel.

Reißende Elbe.

Ein paar Tage später haben wir Herrchen und Frauchen dann vom Magdeburger Hauptbahnhof abgeholt. Magdeburg denkt, nur weil es sieben Bahnsteige auf seinem Hauptbahnhof hat, es sei Berlin, und deswegen wollen sie auch 60 Cent für 20 Minuten Abholparken, aber der depressive Dackel hat es allen gezeigt und erstmal im Bahnhof in den Gang gepisst. Der Kerl musste ihn dann unter Einsatz aller verfügbaren Kräfte von den Bahnhofswänden fernhalten.
Magdeburg wird aber niemals Berlin sein, und das haben wir spätestens am Photoautomaten gesehen:

Das da links oben ist ein Photostream mit Gesicht und aus einer Welle springenden Delphin, rechts daneben vier 4x dieselbe Hackfresse mit einer Umrandung, die aussieht wie ein Eskimokleid. Das kann ich alles mit Paint in 2 Minuten machen, aber was das mit Spaß zu tun haben sollte, konnte mir auch niemand sagen.
Die Freude, als die Schwiegereltern endlich aus dem Zug stiegen war natürlich unvergleichlich, aber gerade Dackel sind Arschlöcher, und deswegen wurde “Ach gut, ihr seid wieder da” alsbald abgelöst von beleidigter Nichtbeachtung derjenigen, die sich ihren Status als Lieblingsmenschen erst wieder verdienen mussten, weil sie sich tatsächlich eingebildet hatten, ihn, den Dackel, einfach so drei Wochen alleine lassen zu können.
Frau Ana wollte the most cheesy Handwerks-Item ever possible und bekam denn auch gleich die Quittung und einen metallenen, goldfarbenüberzogenen Dodovogel - der offiziell erste Anwärter aus dem Tierreich auf den Darwin-Award, weil er nämlich zu blöd zum Fliegen und außerdem treudoof zutraulich war, sodass die spanischen Seefahrer ein Leichtes hatten ihn auszurotten. Auch der noch nicht geborene Sohn wurde mit selbigen Vogel aus Plüsch beschenkt, denn seine Augen sind genäht und deswegen kindersicher, und er trägt ein rotes Top mit der Aufschrift “Tou korek?!”, was kreolisch für “Alles klar?!” ist, und die Schwiegermutter hat spekuliert, das, wenn der Dodo das Lieblingsweichwurstel für den dann geborenen Sohn wird, er vielleicht vor “Mama” und “Papa” doch “Dodo” sagen wird, ähnlich wie das Kind in der Brillenwerbung.
Life for sale
Diese Nachricht als kurios, untypisch oder letzten Ausweg zu bezeichnen, finde ich unpassend. Für mich hat das ja schon fast die Tragikkomik der Truman Show und wäre ich eine Hollywood-Regisseurin würde ich mir schon heute die Rechte sichern - wieder mit Jim Carrey in der Hauptrolle, weil er Humor hat, ohne lächerlich zu wirken, verzweifelte Echtheit rüberbringen kann und gerade so gut aussieht, dass niemand ihn jemals für einen Totalverlierer hält. In dieselbe Kategorie fällt auch Steve Carrell und nach seiner Glanzleistung in Dan in real life sähe ich da auch einen echten Konkurrenzkampf auf uns zukommen:
Die Story: Ian, ein in Australien lebender Brite, hat es satt. Er ist Mitte Vierzig und verkauft Teppiche in Perth, als seine seit Jahren dahindümpelnde kinderlose Ehe zerbricht. Es gibt nichts mehr, was ihn halten kann, aber einfach flüchten, ohne zurück zu sehen, das ist nichts für ihn. Schließlich hat er sich ein Leben aufgebaut. Freunde, Haus, Job, Hobbys, Auto, das kann Ian nicht alles liegen lassen und einfach verschwinden. Bleiben kann er auch nicht. Also beschließt er, was noch niemand vorher getan hat: Besitztümer, Bezugspersonen und Verpflichtungen sollen auf der Internetplattform Ebay versteigert werden. Ian’s Life als Paket. Drei Monate gibt er sich Zeit, um Fotos zu machen von den Möbeln und Freunden, die zustimmen, fortan jemand Neuen zum Dinner einzuladen, detaillierte Beschreibungen von Hab und Gut zu erstellen, seine Chefin zu überreden, seinen Platz an den fremden Höchstbietenden zu vergeben und lokale Fernsehstationen von seinem Vorhaben zu unterrichten. Nach Auktionsende soll es, nur mit Geld und Pass, auf den Weg in ein neues Leben gehen.
Die credits würden sagen “Based on a true story” und keiner würde mehr davon sprechen, dass hier einer the easy way out gewählt hat und sein Leben verhökert, denn man glaubt gar nicht, was ein bisschen Folk, Landschaftsaufnahmen und starke Charaktere so alles bewirken können.
Die Frau, das Kind, der Hund und ein Brief von der Bank
Das ist super:
Die Stuttgarter Volksbank hat einer Kundin eine Rechnung für Reinigungskosten geschickt. Aufgrund der Videoüberwachung sei festgestellt worden, dass es bei ihrem Besuch zu einer Verunreinigung gekommen sei. Nun ermittelt der oberste Datenschützer.
Die Verunreinigung, das war ein Hundehaufenrest am Schuh der Tochter der Kundin, und der Artikel, der ist aus der Stuttgarter Volkszeitung. Und was nicht in Ordnung war, das war die Auswertung der Videobänder des Geldautomatenbereichs durch die Bank und die anschließende Überprüfung der Abhebevorgänge zu diesem Zeitpunkt, die es möglich machte, den Namen der Kundin herauszufinden, um ihr das Wischen eines Fliesenbodens in Rechnung zu stellen.
Ganz schön dreist, oder? Nicht nur der vehemente Verstoß gegen den Datenschutz, ich meine, wo kommen wir denn da hin, wenn man heute nicht mal mehr in Ruhe Pfützendreck in ein öffentlich zugängliches Gebäude tragen darf, ohne überwacht und überführt zu werden? Was mich auch wundert, ist, wieso man für das Säubern eines abwischbaren Filialbodens einen “Meister/Obermonteur” braucht, der glatt “eine Stunde” für die Prozedur benötigt, und warum der - in Gottes Namen - “52,96 EUR” Stundenlohn bekommt. So hoch ist nämlich die Rechnung, die der armen Kundin nach dem Fehltritt ihrer Tochter zugesendet wurde. Eine polnische Putzfrau hätte das bestimmt schneller hingekriegt, und auch nur ein Zehntel des Geldes dafür verlangt. Und was es erst an Humanressourcen gekostet haben muss, diese Reihe aus Huch-der-Bankboden-ist-dreckig, Wer-war-das, Wir-nicht-aber-wir-haben-hier-auch-keine-randalierenden-Jugendlichen-schließlich-
sind-wir-nicht-in-Kreuzberg-du-Muschi, Dann-lass-uns-die-Videobänder-checken, Wollen-wir-Pizza-bestellen, Da-ist-was, Bloß-gut-dass-wir-noch-nicht-haben-wischen-lassen-
so-können-wir-das-Verschmutzungsmuster-auf-dem-Band-mit-dem-auf-dem-Boden-vergleichen.
Tja, aber in Degerloch ist die Welt halt noch in Ordnung. Da haben wir keine polnischen Zwangsarbeiter, sondern Schwaben, viel Zeit, Vollbeschäftigung und glückliche Menschen mit Carport und Reihenhäusle. Ein bisschen wünsche ich mir ja sowas, also Videoüberwachung, auch für meinen Hausflur in Kreuzberg, du Muschi, weil der immer offen steht, und nicht nur Junks sich da ihre Spritzen setzen und Sautürkenjugendliche wahlweise rauchen und ihre Kippen fallenlassen oder ihre E-Mail-Adresse an die Wand taggen, sondern auch weil alle zwei Monate jemand in den Hausflur kackt und dann wieder rausgeht, ohne aufzuwischen. Unsere männliche, nichtpolnische Ein-Euro-Putzkraft würde sich bestimmt auch schwer freuen, irgend jemandem [wer kackt denn in den Hausflur fremder Leute?!?!] beim Saubermachen zuzusehen und am Ende die Hand aufzuhalten und zu sagen: “75 Cent bitte”.
This world is crazy.
Für Globus-im-Kopf-Trotter
Ein nicht neues, mir bis hierhin aber unbekanntes Googletool: Panoramio. Bietet eigentlich genau das, was bei Google Earth noch noch gefehlt hat, nämlich Fotos von den Plätzen, die man sich gerade von oben anschaut - hochgeladen von Usern und mit Tags versehen, sozusagen Geographie-Flickr. Die Bilder sind zum größten Teil hochauflösend und machen deswegen auch als Wallpaper viel Freude. Kann man mal wieder schön hängenbleiben.




