Zweistellig
Das Kind ist jetzt 10 Wochen. Oder zweieinhalb Monate, was sich irgendwie besser anhört, jedenfalls eher so, wie es sich anfühlt - eine Ewigkeit. Wochen sagen da nicht viel. Zumal das Kind auch irgendwie wie straight ahead ist, schon von Anfang an. Wer neun Tage zu spät und eigentlich schon komplett fertig war, hat eben eine Menge Zeit, Sachen zu machen. Wachsen zum Beispiel. Glaubt uns keiner, dass der nicht mal drei Monate ist, auch nicht die Modeindustrie, die steif und fest behauptet, Babys müssten ja mindestens 4-6 Monate alt sein, um Größe 68 zu tragen.
Die Zweistelligkeit wird zum Anlass genommen, das Thema Säuglingsaufzucht in den Mittelpunkt zu rücken. Denn jede/r soll teilhaben an meinem inzwischen immensen Wissensschatz, den kein Buch der Welt so persönlich vermitteln kann. In loser Reihenfolge [und wenn das Kind mich lässt] präsentiere ich deshalb streitbare Wahrheiten und Einsichten. Streitbar deshalb, weil die erste Wahrheit lautet: Es gibt keine. Wer glaubt, Kinderpflege wäre so etwas wie eine Wissenschaft mit unwiderlegbaren Formeln, die so und nicht anders von jeglichem Personal [Ärzt/innen, Schwestern, Hebammen] weitergetragen werden, der hat sich aber mal schön geschnitten. Die Verwirrung in den ersten Wochen war jedenfalls komplett, weil ich genau das eben annahm, bis ich eines Tages [und auch immer mal wieder gerne wieder] feststellte, dass die alle keine Wissenschaft betreiben, sondern aus ihrem Erfahrungsschatz[!] berichten. Nix mit biologischen Gesetzmäßigkeiten, unverrrückbaren Tatsachen und so. Ein bisschen ist das wie Kuchenbacken - wir testen mal, wieviel Backpulver wir brauchen, damit der Teig schön aufgeht. Oh, verbrannt? Na, vielleicht haben wir das nächste Mal mehr Glück.
Feel good life
Herr J. und der Kerl haben das Bettchen aufgebaut. Meine Hebamme meinte schon am Dienstag, das sei gut, wenn es bald stünde, denn dann wüsste der Krümel endgültig, dass er gewollt ist, weil nämlich sogar ein Platz zum Schlafen da wäre, entschlösse er sich jetzt dazu mal vorbeizuschneien.
Das Einrichtungskonzept Schlafzimmer erfuhr damit natürlich eine Veränderung. Weil Frau Ana erst im nächsten Jahr wieder - im Zuge der Erstellung der Magisterarbeit - ins akademische Leben zurückkehrt, konnte hier nicht nur baby- sondern auch nähkompatibel vollendst neu gestaltet werden. Und hübsch isses geworden!

Was noch passiert ist: Das Gewonnen!-Paket aus der Hansestadt ist da. Frau Ana hat sich deshalb heute gleich für den Stil “Ausgehen anno 1958″ entschieden - bei der schönen Spange!

Der Kerl: Oh! Jetzt siehst du ja doch aus wie diese Wissenschaftlerin von der Uni Magdeburg… [die neulich bei nano im ZDF irgendwas Umweltwissenschaftliches erklärt hat]
Frau Ana: Wie bitte? Diese Wissenschaftlerin hatte ihre mittelgescheitelte rausgewachsene Kräuseldauerwelle mit einer riesigen silberfarbenen dünnen Spange oberhalb ihrer Schläfe, an-den-Kopf-klatsch-mäßig aus dem Gesicht geklemmt, damit die für die Gehirnarbeit nötigen Zellen auf direktem Wege vom Denkzentrum in die Mundhöhle wandern können. Außerdem hatte sie einen knielangen mausgrauen Faltenrock an. DAS HIER DAGEGEN… [auf die gelbe Blumenklammer im duftenden Haar zeigend] - ist ein fashion item!
Der Kerl: Na gut. Ich kenn’ ja eure Codes nicht…
…
Der Kerl: Oh! Lauter Vögelchen. Und ein Wildschwein. Und ein Frosch. Was is’n das? [zeigt auf das Lippenstiftkissen]
Frau Ana: Das ist jetzt nicht der Originalmaßstab… [fährt mit der roten Spitze über ihre Lippen]
Der Kerl: Ein Lippenstift!
Frau Ana: Frau Liebe hat eine Zeit lang Sachen genäht, die sie mag. Sie hat auch mal ihre Nähmaschine genäht.
Der Kerl: Das ist ja, als wenn du bei Google “Google” eingibst.
Und dann noch: Selbstgemachter frischer Erdbeerquark zum Frühstück. Bio-Dinkeltoast mit selbstgemachter Oma-Erdbeer-Marmelade zum Kaffee und heute abend Juno im Freiluftkino. Ach ja, die Lampe von der Nähmaschine ist durchgebrannt und im Küchenschrank war eine nagelneue Ersatzbirne!
Das Schwein und die Acidglückswurst
Das Schwein von Frau N. und das auf einem Goa-Rave von Frau G. erschlichene und hernach Acidglückswurst getaufte Plastikdingens haben reichlich ihren Dienst getan, als Frau Ana am letzten Freitag ihre Abschlussklausur schreiben musste. Zwar blieben die beiden unten im Sekretariat in der dunklen Tasche, versprühten aber soviel gutes Karma auf das Fundament, dass es bis in den zweiten Stock reichte, wo Frau Ana gerade die Funktion der Musik in Heinrich von Kleists “Die heilige Cäcilie” in hübsche Worte zu verpacken suchte. Kleist hat sich übrigens am Kleinen Wannsee zusammen mit Henriette Vogel im Jahre 1811 das Leben genommen - mit einem Dolche, was nicht wundert, weil das offenbar schwer angesagt war damals, so im romantischen Kontext. 34 Jahre jung war er, nur 6 Jahre jünger als Kafka, das alte Haus, starb, der heute seinen 125. Geburtstag feiern würde, wenn er nicht schon tot wäre.
Schwein [rechts] und Acidglückswurst [links]

Frau Ana hat das Gebäude verlassen

[UPDATE]: Eine eingehendere Recherche hat ergeben, dass Heinrich von Kleist sich nicht erdolcht, sondern erschossen hat. Soviel Sorgfalt muss schließlich sein [nicht die Tötungsart - die Recherche selbstverständlich]!
Gewonnen!
Jaaaaa! Ich hab gewonnen! Noch nie hab ich was gewonnen - außer das eine Mal, als ich elf war und für den Malwettbewerb auf der Kinderseite in einer der Klatschzeitungen, die meine Mutter immer las, einen Hasen malte mit Buntstiften in verschiedenen Brauntönen. Mein Gewinn war ein Tierbuch - “Die Tiere zuhause” - und da stand alles drin über Hunde und Katzen und Fische und ihre Haltung und Pflege. Etwa alle drei Wochen bin ich dann im nächsten Jahr regelmäßig zu meinen Eltern gegangen und wollte sie mit fachkundigen Argumenten zu einem Goldhamster, Aquarium, Wellensittich, aber am allerliebsten einem Hund überreden. Natürlich hab ich nichts davon bekommen.
Aber zurück zu meinem Gewinn. Ein liebliches Paket mit liebevoll hergestellten Kleinigkeiten von Frau Liebe - meiner Lieblingsnäh- und bastelbloggerin - das ist es geworden. Frau Ana ruft “danke!” und der Kerl grinst und meint: “Das ist ja eine richtige Parallelgesellschaft, die ihr da pflegt.”
Das macht Spaß
Süße, saftige Kirschen essen zum Beispiel, die die Eltern ihrer Tochter aus dem sonnigen Kleinstadtgarten in die staubige Großstadt mitgebracht haben.
Und schenken macht auch Spaß, zum Beispiel einen selbstgemachten “Fanny Pack Friend” für Frau N. zum Geburtstag und eine winzige Reißverschlusstasche für Frau G. zum kleinen Geburtstag, denn die beiden sind zwar keine Schwestern, aber fast, denn wer sich so treu beiseite steht und das schon seit Jahren, der sticht sogar die Blutsverwandtschaft aus.
Prüfungen bestehen macht auch Spaß. Weil damit nicht nur 25% des Studiums geschafft sind, sondern auch, weil die Dozentinnen Frau Anas Babybauch gesehen und ihr für die einstündige mündliche Abschlussprüfung in germanistischer Literaturwissenschaft eine 2,3 gegeben haben. Und auch wenn Frau Ana den Babybonus gar nicht wollte [weil den keiner wollen würde, wenn es nur um das hartnäckige Gerücht geht, dass Kugelbäuchlerinnen anfangen zu heulen, wenn sie eine schlechte Note kriegen], war dann aber doch überrascht, dass die Begründung ganz anders war: Eine “hundertprozentige Fokussierung” sei durch den Zustand schließlich nicht möglich gewesen, aber “sie wüssten ja“, dass Frau Ana unter anderen Umständen zu “noch mehr fähig gewesen” wäre. Bloß gut, dass ich auf die Art vertuschen konnte, dass ich eigentlich ja ständig mittelmäßig bin.

Holy Schwede
Da habe ich mich gestern zur Prüfung angemeldet und abgesehen davon, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt, dachte ich auch, zur Feier des Tages gönne ich mal was, nämlich dem Kind, und gehe Strampler kaufen. Ist ja doch bloß der billige Schwede, aber so süüüß!
Auf dem Weg nach Hause sah ich dann das Resultat, ausnahmsweise romantischer Stadtguerilla, und zwar eine Fahrradampel an der Ecke Blücher/Baerwald, die mich rot anleuchtete und ich erst nach einer Dös-Sekunde mitkriegte: Das is ja ein Herz! Da hatte jemand einen Kreis aus schwarzer Folie ausgeschnitten und in der Mitte auch gleich noch eben die Herzform. So wie hier und da hab ich dann auch gesehen, dass ich nicht die Erste bin, die das ganz herzallerliebst findet. Müsste man in der ganzen Stadt machen, dann gäbe es, glaube ich, mehr Liebe auf den Straßen, denn obwohl die Berliner wenigstens zügig fahren [nicht so wie die Potsdamer, die ganz augenscheinlich denken, sie befänden sich trotz Landeshauptstadtstatus und Riesenmengen an Touristen immer noch in der DDR oder wenigstens auf dem Dorf oder in der Sommerfrische], machen sie doch teilweise überdurchschnittlich zu oft Gebrauch von ihrer Hupe, unterdurchschnittlich zu selten dafür aber von ihrem Blinker oder waghalsige Überholmanöver zehn Meter vor der Ampel, um doch Erster an derselbigen zu sein. Kann ich übrigens immer nur Berliner Männern beobachten, die Frauen fahren wie alle geschlechtsunabhängigen Potsdamer.
Als ich dann zuhause war, schüttete ich die bedruckte Plastiktüte des billigen Schweden [dank Sale sogar noch billiger!] auf dem Wohnzimmerteppichboden aus und hielt hellblaue Jäckchen und Igelbedruckte Bodies gegen den Bauch. Kannste dir das vorstellen?, fragte ich den Kerl, und der sagte nur: Musste andersrum halten, schließlich liegt er kopfüber. Recht hat er, der alte Pragmatiker!





