Ohne Worte [ja, er ist wirklich so groß]

Feel good life

Herr J. und der Kerl haben das Bettchen aufgebaut. Meine Hebamme meinte schon am Dienstag, das sei gut, wenn es bald stünde, denn dann wüsste der Krümel endgültig, dass er gewollt ist, weil nämlich sogar ein Platz zum Schlafen da wäre, entschlösse er sich jetzt dazu mal vorbeizuschneien.

Das Einrichtungskonzept Schlafzimmer erfuhr damit natürlich eine Veränderung. Weil Frau Ana erst im nächsten Jahr wieder - im Zuge der Erstellung der Magisterarbeit - ins akademische Leben zurückkehrt, konnte hier nicht nur baby- sondern auch nähkompatibel vollendst neu gestaltet werden. Und hübsch isses geworden!

Was noch passiert ist: Das Gewonnen!-Paket aus der Hansestadt ist da. Frau Ana hat sich deshalb heute gleich für den Stil “Ausgehen anno 1958″ entschieden - bei der schönen Spange!

    Der Kerl: Oh! Jetzt siehst du ja doch aus wie diese Wissenschaftlerin von der Uni Magdeburg… [die neulich bei nano im ZDF irgendwas Umweltwissenschaftliches erklärt hat]
    Frau Ana: Wie bitte? Diese Wissenschaftlerin hatte ihre mittelgescheitelte rausgewachsene Kräuseldauerwelle mit einer riesigen silberfarbenen dünnen Spange oberhalb ihrer Schläfe, an-den-Kopf-klatsch-mäßig aus dem Gesicht geklemmt, damit die für die Gehirnarbeit nötigen Zellen auf direktem Wege vom Denkzentrum in die Mundhöhle wandern können. Außerdem hatte sie einen knielangen mausgrauen Faltenrock an. DAS HIER DAGEGEN… [auf die gelbe Blumenklammer im duftenden Haar zeigend] - ist ein fashion item!
    Der Kerl: Na gut. Ich kenn’ ja eure Codes nicht…
    Der Kerl: Oh! Lauter Vögelchen. Und ein Wildschwein. Und ein Frosch. Was is’n das? [zeigt auf das Lippenstiftkissen]
    Frau Ana: Das ist jetzt nicht der Originalmaßstab… [fährt mit der roten Spitze über ihre Lippen]
    Der Kerl: Ein Lippenstift!
    Frau Ana: Frau Liebe hat eine Zeit lang Sachen genäht, die sie mag. Sie hat auch mal ihre Nähmaschine genäht.
    Der Kerl: Das ist ja, als wenn du bei Google “Google” eingibst.

Und dann noch: Selbstgemachter frischer Erdbeerquark zum Frühstück. Bio-Dinkeltoast mit selbstgemachter Oma-Erdbeer-Marmelade zum Kaffee und heute abend Juno im Freiluftkino. Ach ja, die Lampe von der Nähmaschine ist durchgebrannt und im Küchenschrank war eine nagelneue Ersatzbirne!

Holy Schwede

Da habe ich mich gestern zur Prüfung angemeldet und abgesehen davon, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt, dachte ich auch, zur Feier des Tages gönne ich mal was, nämlich dem Kind, und gehe Strampler kaufen. Ist ja doch bloß der billige Schwede, aber so süüüß!

Auf dem Weg nach Hause sah ich dann das Resultat, ausnahmsweise romantischer Stadtguerilla, und zwar eine Fahrradampel an der Ecke Blücher/Baerwald, die mich rot anleuchtete und ich erst nach einer Dös-Sekunde mitkriegte: Das is ja ein Herz! Da hatte jemand einen Kreis aus schwarzer Folie ausgeschnitten und in der Mitte auch gleich noch eben die Herzform. So wie hier und da hab ich dann auch gesehen, dass ich nicht die Erste bin, die das ganz herzallerliebst findet. Müsste man in der ganzen Stadt machen, dann gäbe es, glaube ich, mehr Liebe auf den Straßen, denn obwohl die Berliner wenigstens zügig fahren [nicht so wie die Potsdamer, die ganz augenscheinlich denken, sie befänden sich trotz Landeshauptstadtstatus und Riesenmengen an Touristen immer noch in der DDR oder wenigstens auf dem Dorf oder in der Sommerfrische], machen sie doch teilweise überdurchschnittlich zu oft Gebrauch von ihrer Hupe, unterdurchschnittlich zu selten dafür aber von ihrem Blinker oder waghalsige Überholmanöver zehn Meter vor der Ampel, um doch Erster an derselbigen zu sein. Kann ich übrigens immer nur Berliner Männern beobachten, die Frauen fahren wie alle geschlechtsunabhängigen Potsdamer.

Als ich dann zuhause war, schüttete ich die bedruckte Plastiktüte des billigen Schweden [dank Sale sogar noch billiger!] auf dem Wohnzimmerteppichboden aus und hielt hellblaue Jäckchen und Igelbedruckte Bodies gegen den Bauch. Kannste dir das vorstellen?, fragte ich den Kerl, und der sagte nur: Musste andersrum halten, schließlich liegt er kopfüber. Recht hat er, der alte Pragmatiker!

Freak of nature

Die Marke 100 in Sachen Bauchumfang hat der kleine Rüpel durch sein Wachstum jetzt gesprengt. Das ist nicht nur nicht zu glauben, sondern sieht auch komisch aus, was sowohl Frau T.’s Bemerkung bestätigen kann [”Dein Bauch sieht aus wie angeklebt”], als auch der Kommentar des Kerls [”Ist wie eine Hornbrille. Man sieht, dass es nicht zu dir gehört”].
Aber immer noch besser als andersrum, weil das alles nämlich nur so auffällt, weil ich mich sonst - also am Rest des Körpers - wacker schlank gehalten habe. Nicht so wie die Planschkühe aus unserem Geburtsvorbereitungskurs am Wochenende, die entweder einen verknurkelten oder einen viel zu weichen Bauch hatten und an wirklich allen Stellen maßlos zugenommen hatten. Schwangerschaft ist zwar kein Wettlauf um Schönheitsmedaillen, aber die Nach-Schwanger-Zeit im Blick sollte man doch ein bisschen Selbstbeherrschung besitzen. Nein, man kann jetzt nicht endlich mal zuschlagen. Ja, gerade bei fressenden Schwangeren ist die Mastkuh-Assoziation schneller da als man runterkauen kann. Ja, zwanzig Kilo Übergewicht sind selbst dann, wenn man stillt, schwer runterzukriegen.

Der Kurs fand in der UFA-Fabrik in Tempelhof statt, einem wirklich hübschen, alternativ angehauchten Freigelände, auf dem man auch eine kleinere Version der Fusion abhalten könnte, bis zur endgültigen Umsetzung aber erstmal Brot gebacken, Yoga gemacht, getanzt und eben ein Schwangerschaftskurs durchlaufen wird. Auf theoretische Einzelheiten möchte ich an dieser Stelle ungern eingehen, da über die ultimativen Wahrheiten zu Dickbauchzeit und Entbinden sowieso noch das richtige Buch geschrieben werden muss, und ich will hier nichts vorwegnehmen. Nur soviel: es ging ums Tasche packen, pressen und Säugling säugen. Der praktische Teil war schon spannender. Um gleich mal mit dem Mythos Hecheln aufzuräumen - viel mehr als tiefe bewusste Bauchatmung, die auch beim Yoga praktiziert wird, kann man nicht machen. Auch die Periduralanästhesie ist nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn man mal davon absieht, dass ich mich nicht auf eine Technik verlassen will, bei der ein dünner Schlauch in ein Loch in meinem Rücken eingeführt wird.

Also atmen und auf die Affenmutter in mir hören. Das ist nämlich die einzige, die weiß, was getan werden muss. Und der Rest kommt schon von allein. Zum praktischen Teil zählte außerdem das tiefe beherzte Reingreifen in die Muttibäuche, um das Ungeborene zu erfühlen. Ja, das geht wirklich, auch trotz anfänglicher Skepsis auf Seiten des Kerls, der meinte, er könne mir doch nicht IN den Bauch fassen. Wie das auch schon beschrieben wurde von meiner übrigens sehr patenten und durchweg famosen Hebamme Frau H.: “Wenn ihr dran rüttelt und es ist das Einzige, was sich bewegt, dann ist es der Kopf. Wenn ihr dran rüttelt und alles bewegt sich, dann ist es der Arsch.” Zu ertasten waren auch Rücken, kleine Teile (die Hände) und große Teile (die Füße). So richtig Erfahrene machen dann high five mit ihren Stöpseln oder spielen Mau Mau oder so.

Schön auch die anwesenden Väter. Neben den tendenziell aufgeregten, aber so insgesamt relaxten Papis, weil mitten im Leben stehend und sowieso arschcool seiend [sowohl der Kerl als auch Herr R., der zu Frau S. neben uns auf der Yogamatte gehörte, und die beide auch einen kleinen Jungen direkt mal am selben Tag kriegen sollen], gibt es aber noch die ängstlichen Lifestyle- und die planvollen stoischen Väter. Erstere lesen zwar jede Ökotest, in der die Vor- und Nachteile von Fertigmilchpulver erörtert werden, haben Schlappen von Lacoste an, “natürlich” eine Dachterrasse und zu allem eine Meinung, nur weil das mal im Fernsehen kam, aber im Kreißsaal wird ihnen das trotzdem nichts helfen, weil ihr Nervenkostüm zu dünn und ihre Vorstellungskraft von Designerkaraffen zu 39 Pfund das Stück in Home & Garden-Tüniffläden in South Kensington zu verhunzt ist.
Die planvollen Stoischen haben mit City-Wochenendausflügen und Maisonette-Wohnungen wegen Unpraktikabilität zwar nichts am Hut, tragen dafür aber Hemden, die im Zehnerpack erworben wurden, stets und ständig einen riesigen Koffer mit sich rum, einfach alles in ihren tragbaren Computer ein [mit diesen schrecklichen sensitiven Plastikstiften] und stehen einfach nur da wie ein dicker Baumstamm, wenn sie simulieren sollen, dass sie ihre Frau beim Spaziergang im Krankenhauspark bei einer kommenden Wehe unterstützen.
Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Vorschnelles Heulen, hyperventilieren und ein Job in einem klimatisierten Glaskasten in Mitte oder Bürstenhaarschnitt, unbewegliche Hüften und ein riesiges Bankkonto und trotzdem nichts ausgeben dürfen.

Ab heute bin ich offiziell im Mutterschutz. Der Abschied im Büro war sehr herzzerreißend und liebevoll. Noch zwei Prüfungen und dann kann ich endlich das Nest bauen, obwohl ich gar kein Vogel bin.

Eine ganz neue Erfahrung

Heute lasse ich nämlich arbeiten.

So ein bald nahender Mutterschutz hat wahrlich seine Vorteile. Man setzt sich hin, erzählt einem anderen, wie man selbst in den letzten fast zwei Jahren gearbeitet und alles organisiert hat, und der andere muss ja auch was lernen, also zeigt man Dinge einmal und sagt dann den schönen Satz: “Jetzt mach du mal den Rest und wenn du fertig bist, sagst du Bescheid.”

Herrlich! Vor allem, weil das alles sehr nach Bossinen-Verhalten klingt, ich aber sonst gar nicht das Arbeitspensum einer Bossin habe, denn wie gesagt, geh ich ja bald in den Mutterschutz und hab dann erstmal nix zu tun außer Eis essen, Füße hochlegen und warten, dass mein Kind raus will.

Baby Bag

Im vorangegangenen Post habe ich behauptet, ich täte meine neue Frühlings-Sommer-Umhängetasche aus einem orangefarbenen Baumwollstoff schneidern. Das habe ich auch gemacht, circa 7 Stunden mit viel Liebe und Hingabe und Pflichtbewusstsein, wie es meine Art ist, am letzten Sonntag, und so hübsch und detailreich ist sie geworden und mutig wollte ich sein, mal was wagen, eine ganz verrückte Farbe und jetzt bin ich doch nicht wie Kimya Dawson, die tolle Weirdofrau, die bestimmt ihre Hornbrille zurechtrückte, blinzelte und mir dann die Tasche aus der Hand nähme und dabei flüsterte: It’s for the “part of me that knows I never cared for being cool

Aber ich bin nicht Kimya Dawson und jetzt ist es Zeit, eine neue Tasche zu schneidern, denn diese ist mir gar zu infantil, genau richtig also für ein Baby-Utensilien-Trägermedium, aber nicht für 61, wo ich wohl oft Eis essen gehe zukünftig und schon genug angestarrt werde wegen der Chuzpe, die ich besitze, so jung aussehend ein Kind auszutragen, da brauche ich nicht auch noch den verschmitzten Blick auf eine orangene Umhängetasche mit Bäumen drauf.

Die Imaginations-Ausführsynchronisation muss auf jeden Fall noch verbessert werden, dann hätte ich das vorher absehen können. Aber andersrum hätte ich dann jetzt auch keine so schöne Babywindeltasche.

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