Disqualifiziert
Heute hätte ich so gern mein Diktiergerät mit zum Einkaufen genommen, dass ich danach glatt auf alle Bedenken hinsichtlich der Bespitzelung von Mitarbeitern verzichtet und Herrn Dirk Rossmann ein Tape hätte zukommen lassen.
Tatort Drogeriefiliale am Kottbusser Tor. Frau Ana steht bei der Babynahrung, um sich über die Inhaltsstoffe einer Folgemilch zu informieren, als etwas klackt und klirrt und auf den Boden fällt. Zwei Meter neben Frau Ana ist ein Glas Babynahrung den Gesetzen der Schwerkraft gefolgt, doch weder sie noch die Mama, die sich auf der anderen Seite des Tatorts auch zwei Meter entfernt mit ihrem Sohn im Kinderwagen befand, hatte irgendeinen Einfluss auf den Fall des Glases.
Stimme von hinten, wahnsinnig laut: Was ist denn da runtergefallen?
Eine burschikose, dünne Frau mit kurzen teilgefärbten Haaren kommt um die Ecke gepeest, baut sich auf und betrachtet wie ein Feldmarschall die crime scene.
Dünne Frau: Was ist denn hier passiert?
Mutter: Ja, das ist runtergefallen.
Dünne Frau: Sie wissen schon, dass Sie das eigentlich bezahlen müssen?!
Frau Ana fragt sich 1.) warum manche Menschen anderen Menschen nicht ins Gesicht schauen können, obwohl sie sie gerade auf das Übelste beleidigen und 2.) was eigentlich “eigentlich” heißt, denn wenn man eigentlich bezahlen müsste, es dann aber doch nicht tun muss, dann kann man das eigentlich doch eigentlich auch weglassen.
Die dünne Frau zetert weiter, hebt das Glas auf, geht weg und kommt mit einem Lappen wieder.
Dünne Frau: Also, wenn das jeder machen würde!
Nicht sichtbarer Türke von einem weiter entfernten Regal in gebrochenem Deutsch: Ich hab gesehen. Das is einfach umgefallen.
Dünne Frau: WASSSS?!
Türke: Das is einfach umgefallen. Die Frau war das nicht.
Dünne Frau: Ach, wollen Sie jetzt alles bezahlen oder wie? Das kann ja wohl nicht wahr sein.
Türke: Is ja gut.
Die dünne Frau zetert nach diesen schon zwei Abmahnungen munter weiter und leistet sich danach tatsächlich den endgültigen Kündigungsgrund.
Dünne Frau (laut durch den GANZEN Laden zu ihrer Ware auspackenden Kollegin): Na klar! Lassen wir doch einfach alle alles runterwerfen und niemand muss was bezahlen!
Kollegin (amüsiert): Jetzt komm mal runter… Hast du übrigens schon die Mehl gelesen? (Englischunkundige sagen ja gern “Mehl” statt “Mail”)
Dünne Frau: Wie denn? Weißt du eigentlich, wie lange ich nicht kommen durfte? (Überstunden abbauen, ah ja!)
Kollegin: Es gibt Änderungen. dm ist nämlich schon wieder auf Platz Eins. (Warum wohl?)
Dünne Frau: Und weißt du auch warum? (Jetzt ist Frau Ana sehr gespannt.) WEIL DIE KUNDEN BEI DM MACHEN DÜRFEN, WAS SIE WOLLEN!!!
Herzlich willkommen im Niedriglohnsektor! Es gibt also wirklich Leute, die für 5 EUR/Stunde arbeiten und glauben, dass, nur weil sie dass schon 12 Jahre tun (mit Hauptschulabschluss geht halt nicht mehr), ihnen der Laden gehört, und die außerdem noch nie die Wörter “Kundenservice” und “-freundlichkeit” gehört haben, und es trotzdem bis ins Jahr 2008 geschafft haben. Wahnsinn. Wenn das Dirk Rossmann gehört hätte und dazu jeder Jobscout, Benimmtrainer und Arbeitsagenturmitarbeiter der Welt, er hätte wahrscheinlich die Arme über dem Kopf zusammengeschlagen und “No go” geschrieen. Manchmal wäre es wirklich angebracht, seine Mitarbeiter mit versteckten Kameras zu überwachen. Dann hätte man zumindest die Genugtuung, dass solche Schreckschrauben für den Rest ihres Lebens im Park für einen Euro Laub harken müssen. Da könnten sie wenigstens keinen Unfug mehr machen.
Das macht Spaß
Süße, saftige Kirschen essen zum Beispiel, die die Eltern ihrer Tochter aus dem sonnigen Kleinstadtgarten in die staubige Großstadt mitgebracht haben.
Und schenken macht auch Spaß, zum Beispiel einen selbstgemachten “Fanny Pack Friend” für Frau N. zum Geburtstag und eine winzige Reißverschlusstasche für Frau G. zum kleinen Geburtstag, denn die beiden sind zwar keine Schwestern, aber fast, denn wer sich so treu beiseite steht und das schon seit Jahren, der sticht sogar die Blutsverwandtschaft aus.
Prüfungen bestehen macht auch Spaß. Weil damit nicht nur 25% des Studiums geschafft sind, sondern auch, weil die Dozentinnen Frau Anas Babybauch gesehen und ihr für die einstündige mündliche Abschlussprüfung in germanistischer Literaturwissenschaft eine 2,3 gegeben haben. Und auch wenn Frau Ana den Babybonus gar nicht wollte [weil den keiner wollen würde, wenn es nur um das hartnäckige Gerücht geht, dass Kugelbäuchlerinnen anfangen zu heulen, wenn sie eine schlechte Note kriegen], war dann aber doch überrascht, dass die Begründung ganz anders war: Eine “hundertprozentige Fokussierung” sei durch den Zustand schließlich nicht möglich gewesen, aber “sie wüssten ja“, dass Frau Ana unter anderen Umständen zu “noch mehr fähig gewesen” wäre. Bloß gut, dass ich auf die Art vertuschen konnte, dass ich eigentlich ja ständig mittelmäßig bin.

Freak of nature
Die Marke 100 in Sachen Bauchumfang hat der kleine Rüpel durch sein Wachstum jetzt gesprengt. Das ist nicht nur nicht zu glauben, sondern sieht auch komisch aus, was sowohl Frau T.’s Bemerkung bestätigen kann [”Dein Bauch sieht aus wie angeklebt”], als auch der Kommentar des Kerls [”Ist wie eine Hornbrille. Man sieht, dass es nicht zu dir gehört”].
Aber immer noch besser als andersrum, weil das alles nämlich nur so auffällt, weil ich mich sonst - also am Rest des Körpers - wacker schlank gehalten habe. Nicht so wie die Planschkühe aus unserem Geburtsvorbereitungskurs am Wochenende, die entweder einen verknurkelten oder einen viel zu weichen Bauch hatten und an wirklich allen Stellen maßlos zugenommen hatten. Schwangerschaft ist zwar kein Wettlauf um Schönheitsmedaillen, aber die Nach-Schwanger-Zeit im Blick sollte man doch ein bisschen Selbstbeherrschung besitzen. Nein, man kann jetzt nicht endlich mal zuschlagen. Ja, gerade bei fressenden Schwangeren ist die Mastkuh-Assoziation schneller da als man runterkauen kann. Ja, zwanzig Kilo Übergewicht sind selbst dann, wenn man stillt, schwer runterzukriegen.
Der Kurs fand in der UFA-Fabrik in Tempelhof statt, einem wirklich hübschen, alternativ angehauchten Freigelände, auf dem man auch eine kleinere Version der Fusion abhalten könnte, bis zur endgültigen Umsetzung aber erstmal Brot gebacken, Yoga gemacht, getanzt und eben ein Schwangerschaftskurs durchlaufen wird. Auf theoretische Einzelheiten möchte ich an dieser Stelle ungern eingehen, da über die ultimativen Wahrheiten zu Dickbauchzeit und Entbinden sowieso noch das richtige Buch geschrieben werden muss, und ich will hier nichts vorwegnehmen. Nur soviel: es ging ums Tasche packen, pressen und Säugling säugen. Der praktische Teil war schon spannender. Um gleich mal mit dem Mythos Hecheln aufzuräumen - viel mehr als tiefe bewusste Bauchatmung, die auch beim Yoga praktiziert wird, kann man nicht machen. Auch die Periduralanästhesie ist nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn man mal davon absieht, dass ich mich nicht auf eine Technik verlassen will, bei der ein dünner Schlauch in ein Loch in meinem Rücken eingeführt wird.
Also atmen und auf die Affenmutter in mir hören. Das ist nämlich die einzige, die weiß, was getan werden muss. Und der Rest kommt schon von allein. Zum praktischen Teil zählte außerdem das tiefe beherzte Reingreifen in die Muttibäuche, um das Ungeborene zu erfühlen. Ja, das geht wirklich, auch trotz anfänglicher Skepsis auf Seiten des Kerls, der meinte, er könne mir doch nicht IN den Bauch fassen. Wie das auch schon beschrieben wurde von meiner übrigens sehr patenten und durchweg famosen Hebamme Frau H.: “Wenn ihr dran rüttelt und es ist das Einzige, was sich bewegt, dann ist es der Kopf. Wenn ihr dran rüttelt und alles bewegt sich, dann ist es der Arsch.” Zu ertasten waren auch Rücken, kleine Teile (die Hände) und große Teile (die Füße). So richtig Erfahrene machen dann high five mit ihren Stöpseln oder spielen Mau Mau oder so.
Schön auch die anwesenden Väter. Neben den tendenziell aufgeregten, aber so insgesamt relaxten Papis, weil mitten im Leben stehend und sowieso arschcool seiend [sowohl der Kerl als auch Herr R., der zu Frau S. neben uns auf der Yogamatte gehörte, und die beide auch einen kleinen Jungen direkt mal am selben Tag kriegen sollen], gibt es aber noch die ängstlichen Lifestyle- und die planvollen stoischen Väter. Erstere lesen zwar jede Ökotest, in der die Vor- und Nachteile von Fertigmilchpulver erörtert werden, haben Schlappen von Lacoste an, “natürlich” eine Dachterrasse und zu allem eine Meinung, nur weil das mal im Fernsehen kam, aber im Kreißsaal wird ihnen das trotzdem nichts helfen, weil ihr Nervenkostüm zu dünn und ihre Vorstellungskraft von Designerkaraffen zu 39 Pfund das Stück in Home & Garden-Tüniffläden in South Kensington zu verhunzt ist.
Die planvollen Stoischen haben mit City-Wochenendausflügen und Maisonette-Wohnungen wegen Unpraktikabilität zwar nichts am Hut, tragen dafür aber Hemden, die im Zehnerpack erworben wurden, stets und ständig einen riesigen Koffer mit sich rum, einfach alles in ihren tragbaren Computer ein [mit diesen schrecklichen sensitiven Plastikstiften] und stehen einfach nur da wie ein dicker Baumstamm, wenn sie simulieren sollen, dass sie ihre Frau beim Spaziergang im Krankenhauspark bei einer kommenden Wehe unterstützen.
Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Vorschnelles Heulen, hyperventilieren und ein Job in einem klimatisierten Glaskasten in Mitte oder Bürstenhaarschnitt, unbewegliche Hüften und ein riesiges Bankkonto und trotzdem nichts ausgeben dürfen.
Ab heute bin ich offiziell im Mutterschutz. Der Abschied im Büro war sehr herzzerreißend und liebevoll. Noch zwei Prüfungen und dann kann ich endlich das Nest bauen, obwohl ich gar kein Vogel bin.
We had a deal
Nachdem ich mir über drei Monate hinweg einen Fast-Rechtsstreit mit der Stabi um zwei sich fälschlicherweise auf meinem Bibliothekskonto befundene Bücher, die ich nie ausgeliehen hatte, lieferte, kam dann gestern endlich die Erlösung:
handschriftlich zurück: beide Bände wurden am 29.5.08 anonym abgegeben
Was ich jetzt noch brauche, ist, dass auch der Depp, der die zwei dringend benötigten Bücher, von denen eines das einzige Exemplar in ganz Berlin ist, nach zwei Wochen Leihfristüberschreitung endlich zurückgibt, damit meine vor vier Wochen getätigte Vormerkung endlich in Kraft treten kann. Mir geht es da wirklich nicht um Nächstenliebe, mir doch egal, wenn jemand freiwillig horrende Mahngebühren in Kauf nimmt (die zweite Mahnung dürfte raus sein, laut Gebührenordnung sind das pro Buch jetzt schon 5 EUR), aber so haben wir einfach mal nicht gewettet. Grundlegender Bestandteil des Systems Bibliothek ist die Einigung darauf, Bücher, die man nicht mehr braucht oder überfällig sind, sofort zurückzugeben, damit auch die anderen Benutzer sie ausleihen können. Das ist kein “typisch deutsch”-Faschistengewäsch, sondern der Vertrag, auf den sich jeder einlässt, sobald er ein Bibliotheksgebäude betritt. Und die Vorteile dieses Vertrages in Anspruch zu nehmen (ausleihen gegen geringe Jahresgebühr), reicht nicht, ohne auch die Kehrseite des Ganzen (wiedergeben, wenn ausgelesen) in Kauf zu nehmen. Nicht umsonst sind Bibliotheken eine der ersten Kulturgüter, die der Mensch geschaffen hat.
Pfingsten im Jahre 8
Zuerst Kinderkarneval auf dem Heinrichplatz, dann auf dem Weg zum richtigen Karneval mit Frau G., Frau N. und dem Kerl, und am Sonntag Kahn fahren mit der Familie. Hach, wie isses schön!
1. Mai
























