Das macht Spaß
Süße, saftige Kirschen essen zum Beispiel, die die Eltern ihrer Tochter aus dem sonnigen Kleinstadtgarten in die staubige Großstadt mitgebracht haben.
Und schenken macht auch Spaß, zum Beispiel einen selbstgemachten “Fanny Pack Friend” für Frau N. zum Geburtstag und eine winzige Reißverschlusstasche für Frau G. zum kleinen Geburtstag, denn die beiden sind zwar keine Schwestern, aber fast, denn wer sich so treu beiseite steht und das schon seit Jahren, der sticht sogar die Blutsverwandtschaft aus.
Prüfungen bestehen macht auch Spaß. Weil damit nicht nur 25% des Studiums geschafft sind, sondern auch, weil die Dozentinnen Frau Anas Babybauch gesehen und ihr für die einstündige mündliche Abschlussprüfung in germanistischer Literaturwissenschaft eine 2,3 gegeben haben. Und auch wenn Frau Ana den Babybonus gar nicht wollte [weil den keiner wollen würde, wenn es nur um das hartnäckige Gerücht geht, dass Kugelbäuchlerinnen anfangen zu heulen, wenn sie eine schlechte Note kriegen], war dann aber doch überrascht, dass die Begründung ganz anders war: Eine “hundertprozentige Fokussierung” sei durch den Zustand schließlich nicht möglich gewesen, aber “sie wüssten ja“, dass Frau Ana unter anderen Umständen zu “noch mehr fähig gewesen” wäre. Bloß gut, dass ich auf die Art vertuschen konnte, dass ich eigentlich ja ständig mittelmäßig bin.

Freak of nature
Die Marke 100 in Sachen Bauchumfang hat der kleine Rüpel durch sein Wachstum jetzt gesprengt. Das ist nicht nur nicht zu glauben, sondern sieht auch komisch aus, was sowohl Frau T.’s Bemerkung bestätigen kann [”Dein Bauch sieht aus wie angeklebt”], als auch der Kommentar des Kerls [”Ist wie eine Hornbrille. Man sieht, dass es nicht zu dir gehört”].
Aber immer noch besser als andersrum, weil das alles nämlich nur so auffällt, weil ich mich sonst - also am Rest des Körpers - wacker schlank gehalten habe. Nicht so wie die Planschkühe aus unserem Geburtsvorbereitungskurs am Wochenende, die entweder einen verknurkelten oder einen viel zu weichen Bauch hatten und an wirklich allen Stellen maßlos zugenommen hatten. Schwangerschaft ist zwar kein Wettlauf um Schönheitsmedaillen, aber die Nach-Schwanger-Zeit im Blick sollte man doch ein bisschen Selbstbeherrschung besitzen. Nein, man kann jetzt nicht endlich mal zuschlagen. Ja, gerade bei fressenden Schwangeren ist die Mastkuh-Assoziation schneller da als man runterkauen kann. Ja, zwanzig Kilo Übergewicht sind selbst dann, wenn man stillt, schwer runterzukriegen.
Der Kurs fand in der UFA-Fabrik in Tempelhof statt, einem wirklich hübschen, alternativ angehauchten Freigelände, auf dem man auch eine kleinere Version der Fusion abhalten könnte, bis zur endgültigen Umsetzung aber erstmal Brot gebacken, Yoga gemacht, getanzt und eben ein Schwangerschaftskurs durchlaufen wird. Auf theoretische Einzelheiten möchte ich an dieser Stelle ungern eingehen, da über die ultimativen Wahrheiten zu Dickbauchzeit und Entbinden sowieso noch das richtige Buch geschrieben werden muss, und ich will hier nichts vorwegnehmen. Nur soviel: es ging ums Tasche packen, pressen und Säugling säugen. Der praktische Teil war schon spannender. Um gleich mal mit dem Mythos Hecheln aufzuräumen - viel mehr als tiefe bewusste Bauchatmung, die auch beim Yoga praktiziert wird, kann man nicht machen. Auch die Periduralanästhesie ist nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn man mal davon absieht, dass ich mich nicht auf eine Technik verlassen will, bei der ein dünner Schlauch in ein Loch in meinem Rücken eingeführt wird.
Also atmen und auf die Affenmutter in mir hören. Das ist nämlich die einzige, die weiß, was getan werden muss. Und der Rest kommt schon von allein. Zum praktischen Teil zählte außerdem das tiefe beherzte Reingreifen in die Muttibäuche, um das Ungeborene zu erfühlen. Ja, das geht wirklich, auch trotz anfänglicher Skepsis auf Seiten des Kerls, der meinte, er könne mir doch nicht IN den Bauch fassen. Wie das auch schon beschrieben wurde von meiner übrigens sehr patenten und durchweg famosen Hebamme Frau H.: “Wenn ihr dran rüttelt und es ist das Einzige, was sich bewegt, dann ist es der Kopf. Wenn ihr dran rüttelt und alles bewegt sich, dann ist es der Arsch.” Zu ertasten waren auch Rücken, kleine Teile (die Hände) und große Teile (die Füße). So richtig Erfahrene machen dann high five mit ihren Stöpseln oder spielen Mau Mau oder so.
Schön auch die anwesenden Väter. Neben den tendenziell aufgeregten, aber so insgesamt relaxten Papis, weil mitten im Leben stehend und sowieso arschcool seiend [sowohl der Kerl als auch Herr R., der zu Frau S. neben uns auf der Yogamatte gehörte, und die beide auch einen kleinen Jungen direkt mal am selben Tag kriegen sollen], gibt es aber noch die ängstlichen Lifestyle- und die planvollen stoischen Väter. Erstere lesen zwar jede Ökotest, in der die Vor- und Nachteile von Fertigmilchpulver erörtert werden, haben Schlappen von Lacoste an, “natürlich” eine Dachterrasse und zu allem eine Meinung, nur weil das mal im Fernsehen kam, aber im Kreißsaal wird ihnen das trotzdem nichts helfen, weil ihr Nervenkostüm zu dünn und ihre Vorstellungskraft von Designerkaraffen zu 39 Pfund das Stück in Home & Garden-Tüniffläden in South Kensington zu verhunzt ist.
Die planvollen Stoischen haben mit City-Wochenendausflügen und Maisonette-Wohnungen wegen Unpraktikabilität zwar nichts am Hut, tragen dafür aber Hemden, die im Zehnerpack erworben wurden, stets und ständig einen riesigen Koffer mit sich rum, einfach alles in ihren tragbaren Computer ein [mit diesen schrecklichen sensitiven Plastikstiften] und stehen einfach nur da wie ein dicker Baumstamm, wenn sie simulieren sollen, dass sie ihre Frau beim Spaziergang im Krankenhauspark bei einer kommenden Wehe unterstützen.
Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Vorschnelles Heulen, hyperventilieren und ein Job in einem klimatisierten Glaskasten in Mitte oder Bürstenhaarschnitt, unbewegliche Hüften und ein riesiges Bankkonto und trotzdem nichts ausgeben dürfen.
Ab heute bin ich offiziell im Mutterschutz. Der Abschied im Büro war sehr herzzerreißend und liebevoll. Noch zwei Prüfungen und dann kann ich endlich das Nest bauen, obwohl ich gar kein Vogel bin.
We had a deal
Nachdem ich mir über drei Monate hinweg einen Fast-Rechtsstreit mit der Stabi um zwei sich fälschlicherweise auf meinem Bibliothekskonto befundene Bücher, die ich nie ausgeliehen hatte, lieferte, kam dann gestern endlich die Erlösung:
handschriftlich zurück: beide Bände wurden am 29.5.08 anonym abgegeben
Was ich jetzt noch brauche, ist, dass auch der Depp, der die zwei dringend benötigten Bücher, von denen eines das einzige Exemplar in ganz Berlin ist, nach zwei Wochen Leihfristüberschreitung endlich zurückgibt, damit meine vor vier Wochen getätigte Vormerkung endlich in Kraft treten kann. Mir geht es da wirklich nicht um Nächstenliebe, mir doch egal, wenn jemand freiwillig horrende Mahngebühren in Kauf nimmt (die zweite Mahnung dürfte raus sein, laut Gebührenordnung sind das pro Buch jetzt schon 5 EUR), aber so haben wir einfach mal nicht gewettet. Grundlegender Bestandteil des Systems Bibliothek ist die Einigung darauf, Bücher, die man nicht mehr braucht oder überfällig sind, sofort zurückzugeben, damit auch die anderen Benutzer sie ausleihen können. Das ist kein “typisch deutsch”-Faschistengewäsch, sondern der Vertrag, auf den sich jeder einlässt, sobald er ein Bibliotheksgebäude betritt. Und die Vorteile dieses Vertrages in Anspruch zu nehmen (ausleihen gegen geringe Jahresgebühr), reicht nicht, ohne auch die Kehrseite des Ganzen (wiedergeben, wenn ausgelesen) in Kauf zu nehmen. Nicht umsonst sind Bibliotheken eine der ersten Kulturgüter, die der Mensch geschaffen hat.
Pfingsten im Jahre 8
Zuerst Kinderkarneval auf dem Heinrichplatz, dann auf dem Weg zum richtigen Karneval mit Frau G., Frau N. und dem Kerl, und am Sonntag Kahn fahren mit der Familie. Hach, wie isses schön!
1. Mai
Der Illuminator
Heute nach der Uni im schönen Gräfekiez unterwegs gewesen, Häuserfassaden ausgemacht, hinter denen potenzielle zukünftige größere Wohnungen liegen könnten und Schaufensterspotting gemacht, wobei der Anteil an Hip-Schickimicki-Design-whatever-Läden zum Glück schön gering ist. “Uhren und Schmuck Göring” war dann auch so geil understated und altmodisch, dass man drinnen Licht, aber weder ein Öffnungszeitenschild noch sonst irgendwas entdecken konnte und tatsächlich klingeln musste, um Einlass zu bekommen. Sicherheitsmaßnahme? Komischer antiquer Spleen?
Der Eintritt sollte jedenfalls gewährt werden, weil Frau Ana neulich ihr Mobiltelefon vergessen hatte, keine Uhr weit und breit entdecken konnte und überhaupt schon länger darüber nachgedacht hatte, wieder einen Handgelenkzeitanzeiger anzuschaffen, weil es inzwischen an immer mehr Orten als unanständig verurteilt wird, sein tragbares Telefon herauszuholen, wenn man wissen will, welche Stunde geschlagen hat. Als alte Tocotronicverehrerin kommt - na klar! - nur eine digitale Uhr in die Tüte, und im Schaufenster der Familie Göring waren besonders tolle Exemplare von Casio zu entdecken, für gerade mal gut zwei Stundenlöhne. Frau Göring war sehr redselig, hat uns obendrein eine handgemachte Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald präsentiert, die aber erst getestet werden muss, bevor der Kunde sie sich ins Wohnzimmer hängen kann, nicht dass nachher Klagen kommen und so. Fast triumphierend preiste Frau Göring die Kuckuckabschaltfunktion an, was Frau Ana fast dazu brachte, zu konstatieren, dass das Ticken ihr viel mehr auf den Zeiger gehen würde, sah dann aber davon ab - ob der circa 784 Uhren, die überall im Laden hingen und eben tickten.
Beim Casio Illuminatoren handelte es sich um Liebe auf den 1. Blick und da Frau Ana schon damals vor zwei Jahren in London mit dem schnellsten Sonnenbrillenkauf der Welt auftrumpfen konnte, stand sie auch hier ihrem Ruf in nichts nach und sagte einfach: “Die da mit türkis”. Die da mit Türkis ist dann auch eine richtige Checkeruhr - mit 50 m wasserdicht [nicht nur spritzgeschützt!] und “Back to the future”-Button, der die Anzeige fluoriszierend illuminiert. Ja!



[Der abgeknibbelte Daumen gehört übrigens nicht Frau Ana, sondern dem Kerl, dem nervösen Hemd.]





























