Dein Freund, das Baby. Folge 3: Modefragen
In jedem Schwangerratgeber kann man lesen: “Im Krankenhaus kriegen Sie alle Kleidungsstücke für die ersten Tage. Die sehen zwar nicht gut, greifen Sie aber besser doch darauf zurück, denn waschen können Sie später noch genug.” Das stimmt, und zwar beides, und genau deswegen war das Kind auch irgendwie erst richtig Frau Anas Kind, als sie es ausgehfein für das Verlassen des Krankenhauses machen durfte. Die Strampler im Krankenhaus sind wirklich dermaßen grottenhässlich, dass Frau Ana [den Ernst der Lage nicht durch den Kakao ziehen wollend] sich durchaus vorstellen kann, dass Mütter ihre Babys nicht annehmen können, gerade wegen dieser Strampler. Überhaupt - Strampler! Das Kind wurde, zuhause angekommen, in einen buntgescheckten Body mit Elmo vorne drauf gesteckt und seitdem nie wieder, bis heute nicht, in irgendeinen Strampler irgendeiner Art [die konsequente Weiterentwicklung des Themas sind übrigens Latzhosen, aber wie ich dazu stehe, habe ich noch nicht herausgefunden], denn Strampler, das sieht so richtig nach Baby aus. Als ob das Kind kein richtiger Mensch wäre.
Das Kind, der Kerl und Frau Ana sind jedenfalls die Kapuzensweatshirt-Familie. Die erfüllen ihren Zweck, die Sweatshirts, von minus 20 bis plus 20 Grad, man braucht keine Mütze bei laueren Temperaturen [was vor allem deswegen vorteilhaft ist, weil ALLE Kinder es hassen, Mützen aufgesetzt zu bekommen, ganz dicht gefolgt von Jacken, Strumpfhosen und Handschuhen], und sie erregen aufgrund großer Neutralität weder bei den Großeltern noch beim Szenepublikum großes Aufsehen. Zu den Kapuzensweatshirts gesellen sich im Falle des Kindes Jogging- oder andere leichte Sweathosen und Langarmshirts. Das Kind sieht auf diese Weise immer angezogen, aber nie kindisch aus.
Die Unterwäschefrage ist heikel. Sehr beliebt in der Welt der Babykleidungsdesigner sind Bodys mit keinem, kurzem oder langem Arm. Das liegt an zwei Dingen: Babys sind einmal sehr beweglich. Ständig wird gestrampelt. Andererseits sind sie in der privilegierten Position, noch gar nichts zu können, also ständig herumgetragen zu werden. In beiden Fällen verrutscht die Kleidung sehr leicht, und damit der Babybauch nicht kalt wird, gibt es Bodys oder eben auch Strampler. Der Nachteil ist, dass ein komplettes Kleidungsensemble gewechselt werden muss, wenn Körperflüssigkeiten aus der Windel oder dem nackten Menschlein gekommen sind, inklusive dreckigen und anderen sauberen Body über den Kopf ziehen müssen. Ist nicht so beliebt, gerade bei hungrigen oder übermüdeten Kindern. Die Alternative sind Hemdchen und Höschen, so wie bei den Großen, und das ist vor allem bei großen Kindern wie unserem sehr vorteilhaft, weil Bodys sehr schnell zu kneifen anfangen, aber leider sind Hemdchen und Höschen für ganz Lütte nicht so sehr verbreitet und deshalb schwer zu bekommen.
Als schließlich die ersten kühlen Tage ins Land kamen, standen Frau Ana und der Kerl vor der nächsten Herausforderung. Was anziehen, wenn es kälter ist, zumal die meisten Eltern dazu neigen, ihre Babys zu dick einzupacken? Strumpfhosen sehen zwar scheiße aus und lassen sich scheiße anziehen, sind aber ein Muss, entweder die dünnere Variante oder gar Thermostrumpfhosen, wenn es richtig eist da draußen. Mützen empfehlen sich vor allem bei Wind, denn da reicht eine Kapuze nicht mehr. Handschuhe sind schon ab zehn Grad drin, da Babys ja nichts mit ihren Händen machen und deshalb schnell auskühlen. Wer eine liebe Oma hat, der sollte die zum Stricken von Babyschuhen anhalten, die sind nämlich besser als die gekauften oder nur Socken, und die Wolle hält schon bei Herbstwetter schön warm. Denn das Wichtigste ist, dass die Babyfüße NIEMALS auskühlen. Das geht dann wie ein Lauffeuer oder Eisregen ratzfatz in den Rest des Körpers und wer will schon einen frierenden Säugling.
Insgesamt sollte man auch bei Babykleidung dieselbe Sorgfalt walten lassen wie an sich selbst. Nur weil das Baby sich nicht wehren kann, heißt es nicht, dass es eine Kombination aus quietschbuntem Oberteil, grellgrünem Strampler und Jacke mit über und über Bärchen drauf guthieße. Überhaupt, Tiere! Die beliebtesten, auf Babykleidung aufgedruckte oder -genähte Motive in keiner Rangfolge [und nicht das Diminutivum vergessen]: Bärchen, Häschen, Mäuschen, Vögelchen, Nilpferdchen, Löwchen, Giräffchen und Äffchen. Vielleicht, weil die sich ganz unkompliziert in vereinfachte Form bringen lassen. H&M hat übrigens ein ganzes Theme daraus gemacht - Wald- und Wiesentiere [Eulen, Igel etc.] plus Blätter, aber wenigstens in gedeckten Farben.
Die größte Gemeinheit überhaupt hat die Modeindustrie auch auf Babykleidung übertragen: Unmengen für Mädchen, den Rest vom Fest für Jungs. Gerade Frau Ana als fashion victim deluxe blutet das Herz, weil es all die süßen pinkfarbenen[!] Hello Kitty!-Klamotten nicht auch als Bubenpendant für das eigene Kind gibt. Das ist aber vielleicht auch ganz gut so, denn schon jetzt quillt die Babyklamottenkommode über, genau wie die diversen Kisten mit noch zu überdimensionierter Kleidung. Der Tipp schlechthin lautet deshalb auch: Alle jungen Eltern sollten das Kaufen von Babykleidung tunlichst vermeiden. Das schont den Geldbeutel und auch die Platzreserven, denn wenn man erst ein Baby hat, kommen aus allen Ecken immer wieder neue Kleidungsstücke gewandert. Von Schon-Eltern, die den zu klein gewordenen Quatsch loswerden werden wollen; von Freunden, Bekannten und Anverwandten, die aus verständlichen Gründen erst mal Kleidung und keine Ritterburg oder ein Schaukelpferd schenken; und von den Omas und gerade immer wieder den Omas, die feuchte Augen kriegen, wann immer sie an einem Babybekleidungsgeschäft vobeilaufen, um später zu sagen, dass sie unmöglich daran vorbeilaufen konnten. Es bereitet wirklich endlosen Spaß, für das Kind einzukaufen, und manchmal macht Frau Ana das auch, aber allein die Wachstumsfrage [inzwischen Größe 68 mit gerade mal fast elf Wochen] würde zu regelmäßigen Weinkrämpfen führen, weil das schnuckelige Shirt mit dem Außerirdischen drauf schon wieder nicht mehr passt. Deshalb also lieber weniger oder nicht selbst bezahlt. Wer sich jetzt übrigens gut Freund und Freundin mit Frau Ana macht und zusätzlich in Bälde ein Kind, kann in den Genuss inzwischen dreier prall gefüllter, nach Größen geordneter und beschrifteter Pappkartons voller Kleinstanziehsachen kommen [Freunde im Metier der Elternseienden und -werdenden sind selbstredend rar gesät, nur verständlich, da es sich schließlich um den größten Schritt von allen handelt].
Wäsche waschen wird übrigens wirklich eine der Hauptbeschäftigungen einer Neumutter. Denn Säuglinge machen sich natürlich doch dreckig, aber das ist nicht ihre Schuld, sondern die der Windelindustrie, die die perfekt abdichtende Windel erst noch erfinden muss und die Schuld der Natur, die es a) nicht eingerichtet hat, dass man frisch geschlüpft schon alleine auf’s Klo gehen kann und b) doch eingerichtet hat, dass alle Babys irgendwie Probleme mit Rückfluss und erhöhtem Speichelfluss haben und ständig sowohl ihre als auch die Kleidung der Eltern vollsuppen.
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