Dein Freund, das Baby. Folge 1: Verständnis

Eine der ersten Maßnahmen, wenn das Baby da ist - versetz dich in seine Lage. Im Falle des Kindes sah das so aus: 40 Wochen im Bauch der Mutter, eigentlich auf die Welt kommen müssen, aber keinen Bock haben brauchen. Eine Woche Entspannung pur, dann wurschtelt wieder einer dieser Ärzte mit diesem Ding auf auf deiner Höhle rum, vermisst deinen Kopf [Nazimethoden!] und dann geht alles ganz schnell und deine Höhle beginnt sich auseinander- und zusammenzuziehen und drückt dich in eine Richtung, nämlich nach unten, du weißt nur noch nicht, dass es rausgehen soll. Sie führt ein Eigenleben, deine Höhle, will dich nicht mehr da haben, schmeißt dich raus, aber wohin? Das mit der Spontangeburt [super Terminus übrigens für “ich presse das Baby unten raus”] hat dann doch nicht geklappt und für das Kind muss das ein Trauma deluxe gewesen sein - denn da kommen die Götter in weiß, schneiden deine Höhle auf und zerren dich in das kalte Neonlicht. Höhle weg, Wärme weg, Nahrungszufuhr weg. Dafür eine Million dümmlich grinsender Menschen, die wollen, dass du dich jetzt wie ein Mensch benimmst. Arschlecken. Kein Wunder, dass die meisten Frauen Probleme mit dem Stillen haben, wer sind wir eigentlich, dass wir das von einer gerade in die Welt gedrückten kleineren Version unserer selbst verlangen? Nach 40 Wochen Vollpension per Infusion? [Da fällt mir übrigens die großartige Simpsons-Folge ein, in der Homer sich aus Faulheit ins Altersheim einschleicht, Flüssig-Chips per Schlauch in den Arm gedrückt bekommt, mit dem Rollstuhl fährt und - nachdem ein Alter mit Sauerstoffgerät an ihm vorbeigefahren wird - entrüstet fragt: “Was! Wieso atme ich eigentlich noch ALLEINE?”]

Aber es ist ja nicht nur das Essen. Es sind auch ungedämpfte Geräusche, Helligkeit und dann wieder Dunkelheit, Pipi, Pupu, Popel, Spucke, Granz und Schmalz aus allen Körperöffnungen, Stoff, der über den bis dahin ausschließlich nackten Körper, ein saugfähiger Sack, der über deinen Arsch gezogen wird, Nippel, Plastiklöffelchen [für das Vitamin D] und Sauger, die einem in den Mund geschoben werden, alte Leute, die ‘bubu’ und ‘heititei’ machen [IN! YOUR! FACE!], und immer wieder Kälte, Kälte, Kälte.

Und das Schlimmste? Keiner versteht dich! Bis jetzt bist du gut alleine klargekommen, jeder Fötus ist eine Insel, logisch, und jetzt heißt du plötzlich Säugling und kannst dich nicht mal mit denen unterhalten, denn da wo du herkommst, gab es keine Sprache. Also schreien. Viel schreien. Wahnsinnig viel schreien. Denn wer nicht schreit, hat schon verloren.

Deshalb ist das Beste, was am Anfang tun kann, Gnade walten zu lassen. Das Baby ist auf dem ersten und schlimmsten Horrortrip seines Lebens und alles, was man als Mama und Papa machen kann, ist da zu sein und die Schmerzen zu lindern. Durch müssen alle Babys da leider selbst.

In den ersten paar Wochen habe ich genau darüber ziemlich häufig nachgedacht, vor allem bei den ersten zaghaften Spaziergängen, bei denen man sich noch nicht getraut hat, den MP3-Player anzuwerfen, auch wenn das Kind geschlafen hat. Und beim Anblick aller, an denen ich vorbei spazierte, musste ich unwillkürlich daran denken, dass die da alle selbst mal Babys waren und ihre Eltern in den Wahnsinn getrieben haben. Die olle Schrappnell im Tabakladen, der chauvinistische alte Türke, der nie Platz macht, weil er ja ein Mann ist, der Alkoholiker mit der Gehhilfe, die bescheuerte Yuppitussi, die ihrem BMW in der zweiten Reihe parkt. Alle mal Babys gewesen.

In diesem Zusammenhang möchte ich gern auf den unfassbaren Fatalismus der dunklen Vergangenheit hinweisen, der sich teilweise heute noch in Erziehungsratgeber der Gegenwart und ganz bestimmt in die Aussagen mancher älterer Leute hinübergerettet hat. Wie, zur Hölle, kann man Säuglingen mit ihrem Schreien Boshaftigkeit unterstellen? Sie vielleicht schreien lassen, damit sie “was lernen” oder “endlich selbständig werden”? Wie kann man annehmen, dass die sich einfach so zurechtfinden, nur weil sie jetzt eben da sind? Dass man die nicht mit Liebe zubomben darf, weil die sich sonst alles erlauben später? Schon wieder Arschlecken. Unkontrolliert Küsse ins ganze Babygesicht zu verteilen hat sich nämlich auch als hervorragendes Ablenkungsmanöver erwiesen, wenn z.B. die verhassten Socken angezogen werden sollen.

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