Freak of nature

Die Marke 100 in Sachen Bauchumfang hat der kleine Rüpel durch sein Wachstum jetzt gesprengt. Das ist nicht nur nicht zu glauben, sondern sieht auch komisch aus, was sowohl Frau T.’s Bemerkung bestätigen kann [”Dein Bauch sieht aus wie angeklebt”], als auch der Kommentar des Kerls [”Ist wie eine Hornbrille. Man sieht, dass es nicht zu dir gehört”].
Aber immer noch besser als andersrum, weil das alles nämlich nur so auffällt, weil ich mich sonst - also am Rest des Körpers - wacker schlank gehalten habe. Nicht so wie die Planschkühe aus unserem Geburtsvorbereitungskurs am Wochenende, die entweder einen verknurkelten oder einen viel zu weichen Bauch hatten und an wirklich allen Stellen maßlos zugenommen hatten. Schwangerschaft ist zwar kein Wettlauf um Schönheitsmedaillen, aber die Nach-Schwanger-Zeit im Blick sollte man doch ein bisschen Selbstbeherrschung besitzen. Nein, man kann jetzt nicht endlich mal zuschlagen. Ja, gerade bei fressenden Schwangeren ist die Mastkuh-Assoziation schneller da als man runterkauen kann. Ja, zwanzig Kilo Übergewicht sind selbst dann, wenn man stillt, schwer runterzukriegen.

Der Kurs fand in der UFA-Fabrik in Tempelhof statt, einem wirklich hübschen, alternativ angehauchten Freigelände, auf dem man auch eine kleinere Version der Fusion abhalten könnte, bis zur endgültigen Umsetzung aber erstmal Brot gebacken, Yoga gemacht, getanzt und eben ein Schwangerschaftskurs durchlaufen wird. Auf theoretische Einzelheiten möchte ich an dieser Stelle ungern eingehen, da über die ultimativen Wahrheiten zu Dickbauchzeit und Entbinden sowieso noch das richtige Buch geschrieben werden muss, und ich will hier nichts vorwegnehmen. Nur soviel: es ging ums Tasche packen, pressen und Säugling säugen. Der praktische Teil war schon spannender. Um gleich mal mit dem Mythos Hecheln aufzuräumen - viel mehr als tiefe bewusste Bauchatmung, die auch beim Yoga praktiziert wird, kann man nicht machen. Auch die Periduralanästhesie ist nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn man mal davon absieht, dass ich mich nicht auf eine Technik verlassen will, bei der ein dünner Schlauch in ein Loch in meinem Rücken eingeführt wird.

Also atmen und auf die Affenmutter in mir hören. Das ist nämlich die einzige, die weiß, was getan werden muss. Und der Rest kommt schon von allein. Zum praktischen Teil zählte außerdem das tiefe beherzte Reingreifen in die Muttibäuche, um das Ungeborene zu erfühlen. Ja, das geht wirklich, auch trotz anfänglicher Skepsis auf Seiten des Kerls, der meinte, er könne mir doch nicht IN den Bauch fassen. Wie das auch schon beschrieben wurde von meiner übrigens sehr patenten und durchweg famosen Hebamme Frau H.: “Wenn ihr dran rüttelt und es ist das Einzige, was sich bewegt, dann ist es der Kopf. Wenn ihr dran rüttelt und alles bewegt sich, dann ist es der Arsch.” Zu ertasten waren auch Rücken, kleine Teile (die Hände) und große Teile (die Füße). So richtig Erfahrene machen dann high five mit ihren Stöpseln oder spielen Mau Mau oder so.

Schön auch die anwesenden Väter. Neben den tendenziell aufgeregten, aber so insgesamt relaxten Papis, weil mitten im Leben stehend und sowieso arschcool seiend [sowohl der Kerl als auch Herr R., der zu Frau S. neben uns auf der Yogamatte gehörte, und die beide auch einen kleinen Jungen direkt mal am selben Tag kriegen sollen], gibt es aber noch die ängstlichen Lifestyle- und die planvollen stoischen Väter. Erstere lesen zwar jede Ökotest, in der die Vor- und Nachteile von Fertigmilchpulver erörtert werden, haben Schlappen von Lacoste an, “natürlich” eine Dachterrasse und zu allem eine Meinung, nur weil das mal im Fernsehen kam, aber im Kreißsaal wird ihnen das trotzdem nichts helfen, weil ihr Nervenkostüm zu dünn und ihre Vorstellungskraft von Designerkaraffen zu 39 Pfund das Stück in Home & Garden-Tüniffläden in South Kensington zu verhunzt ist.
Die planvollen Stoischen haben mit City-Wochenendausflügen und Maisonette-Wohnungen wegen Unpraktikabilität zwar nichts am Hut, tragen dafür aber Hemden, die im Zehnerpack erworben wurden, stets und ständig einen riesigen Koffer mit sich rum, einfach alles in ihren tragbaren Computer ein [mit diesen schrecklichen sensitiven Plastikstiften] und stehen einfach nur da wie ein dicker Baumstamm, wenn sie simulieren sollen, dass sie ihre Frau beim Spaziergang im Krankenhauspark bei einer kommenden Wehe unterstützen.
Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Vorschnelles Heulen, hyperventilieren und ein Job in einem klimatisierten Glaskasten in Mitte oder Bürstenhaarschnitt, unbewegliche Hüften und ein riesiges Bankkonto und trotzdem nichts ausgeben dürfen.

Ab heute bin ich offiziell im Mutterschutz. Der Abschied im Büro war sehr herzzerreißend und liebevoll. Noch zwei Prüfungen und dann kann ich endlich das Nest bauen, obwohl ich gar kein Vogel bin.

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