Frollein F.
Das Frollein F. feiert bald ihren ersten Geburtstag. Sie lächelt selten, schaut meistens grimmig, verzieht das Gesicht, wenn es Eiscreme gibt und spielt lieber auf dem Sandweg als zwischen Blumen. Mützen und Kapuzen kann sie nicht leiden und inzwischen sieht sie ja nun wirklich exakt aus wie ihr Vater.
Ihre Mutter kam vor fast vier Jahren geheimniskrämernd und freudig strahlend zu mir. Verliebt sei sie, toll sei er und sowieso. Wer er denn sei und wie er denn heiße, fragte ich, und sie antwortete: Düark. Der Fußballer. Der Blonde. Der Große. Der mit der Brille auch, der immer rumhing mit ihren aktuellen, meinen inzwischen alten Freunden. Nein!
Der Düark, das war genau der Düark, mit dem ich - unwissend, weil ohne Bewusstsein, dafür aber gerade frisch auf der Welt - das Zimmer teilte. Mit ihm und seiner Mutter und meiner Mutter auf der Wochenbettstation im Krankenhaus meiner Heimatstadt. Später gingen wir zusammen in den Kindergarten und die Grundschule. Dann verloren sich unsere Wege, einmal noch sahen wir uns in den aufgeregten, feinen Tagen zwischen den letzten Abiprüfungen und dem Studienanfang, dann gar nicht mehr. Dann traf ich die Mutter von Frollein F. und wir soffen und knutschten und tanzten uns durch zwei Sommer und Herbste. Dann ging ich nach Berlin und wir tanzten weniger. Und dann kam sie an und sagte, sie hatte sie sich verliebt, in ihn.
Wie gesagt, Frollein F. ist jetzt fast ein Jahr und sie sieht aus wie ihr Vater und der liebt ihre Mutter und das ist toll, obwohl ja eigentlich ich die erste Frau in seinem Leben war.
Auf dem Weg zurück nach Berlin landete ich in einem vollen Waggon, was donnerstags nach Feierabend wohl kein Wunder ist. Auf den Fernsehbildschirmen liefen ohne Ton die immer selben drei Beiträge in Dauerschleife, unter anderem der über den Albinoalligator Whitie, der gerade auf Deutschlandtournee ist und dessen Tierpfleger René Renz das Zitat des Tages ablieferte. Schuld am schlechten Image des Krokodils sei ja das Kasperltheater, denn im Kasperltheater sei das Krokodil immer der Inbegriff des Bösen.
Mit mir in der Viersitzgruppe saßen zwei hinreissend freundlich und hübsch aussehende französische Mädchen, die sich mit französischem Akzent auf Deutsch unterhielten. Schräg gegenüber ein Mann mit nicht nur nicht zusammen passender Jacket-Hose-Kombination, sondern auch mit einer dunkelblauen Krawatte, auf der wahnsinnig viele kleine weiße Elefanten drauf waren. Das Ensemble wurde aber insgesamt nicht von dem meines Uniprofessoren Herrn M. getoppt, der eines Tages mit einer ausgebeulten grauen Anzughose, an der ein extrem großes Schlüsselbund hing und die er sich komplett über den dicken Bauch gezogen hatte, einem weißen Hemd, in dessen Brusttasche eine Nerdkollektion verschiedener Stifte steckte und einer Krawatte, auf der Regalbretter mit Büchern, einem Globus und allerlei bibliophilem Krimskrams abgebildet war, auftauchte.
Drei Sitzgruppen weiter saß ein Gruftiemädchen mit zukajalten Augen, schwarzen Martens und Kaugummi im Mund, das, als der Fahrscheinkontrolleur kam, die gerade gelesene c’t in die Tasche packte und ihre Geldbörse rausholte.
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