Eine Woche Magdeburg
Der Kerl sagte die ganze Woche über: “Es ist, als sei man um dreißig Jahre gealtert”, und recht hat er. Nichts Nützliches steht mehr in den gutbürgerlichen Wohnungen von Mittfünfzigern, die es geschafft haben, außer Ausstellungsstücke zum Ansehen und Draufsetzen, um zu entspannen. Die Schwiegereltern waren auf Mauritius, denn man gönnt sich ja sonst nichts zu rundem Geburtstag und Silberhochzeit. Und da der Sofa-, Bett- und Kuscheldackel - in seiner Funktion als Kindersatz nach dem Auszug der Söhne - zwar Salamistücken beim Abendbrot in das bettelnde Maul geschoben kriegt, auf der Dodo-Insel aber deplatziert ist und das Langstreckenfliegen ihm nicht gut zu Gesicht steht, bekamen wir die Aufgabe, ihn der Großmutter nach zwei Wochen Urlaub abzunehmen und unsererseits in der Herrchen- und Frauchenwohnung in Magdeburg die letzte Ferienwoche zu verbringen, mit ihm, dem depressiven Dackel.
Denn er betrat seine Heimstatt und es roch zwar alles nach Herrchen und Frauchen, aber deren Körper weilten ganz woanders, was den Dackel veranlasste, die Hoffnung ganz aufzugeben, sich zurückzuziehen in sein Körbchen, schlecht zu essen und uns ständig mit vorwurfsvollen Blicken zu strafen, weil wir da waren, ihn fütterten und Ausflüge in den schönen Elbpark machten mit ihm, aber eben nicht Herrchen und Frauchen waren. Nach vier Tagen waren sie immer noch da, die vorwurfsvollen Blicke, aber Ignoranz hatte sich in Anhänglichkeit verwandelt, als seien wir, auch wenn schon nicht die Lieblingsmenschen, dann doch immer noch besser als überhaupt kein Mensch, und man muss ja auch nehmen, was man kriegen kann.
Der Kerl schaut doof aus der Wäsche.

Der Kerl und der Dackel im gleißenden Antlitz der Sternbrücke.

Frau Ana kann nie vernünftig gucken.

Der Kerl und der Dackel spielen.

Mäjestätischer, aber leider depressiver Dackel.

Reißende Elbe.

Ein paar Tage später haben wir Herrchen und Frauchen dann vom Magdeburger Hauptbahnhof abgeholt. Magdeburg denkt, nur weil es sieben Bahnsteige auf seinem Hauptbahnhof hat, es sei Berlin, und deswegen wollen sie auch 60 Cent für 20 Minuten Abholparken, aber der depressive Dackel hat es allen gezeigt und erstmal im Bahnhof in den Gang gepisst. Der Kerl musste ihn dann unter Einsatz aller verfügbaren Kräfte von den Bahnhofswänden fernhalten.
Magdeburg wird aber niemals Berlin sein, und das haben wir spätestens am Photoautomaten gesehen:

Das da links oben ist ein Photostream mit Gesicht und aus einer Welle springenden Delphin, rechts daneben vier 4x dieselbe Hackfresse mit einer Umrandung, die aussieht wie ein Eskimokleid. Das kann ich alles mit Paint in 2 Minuten machen, aber was das mit Spaß zu tun haben sollte, konnte mir auch niemand sagen.
Die Freude, als die Schwiegereltern endlich aus dem Zug stiegen war natürlich unvergleichlich, aber gerade Dackel sind Arschlöcher, und deswegen wurde “Ach gut, ihr seid wieder da” alsbald abgelöst von beleidigter Nichtbeachtung derjenigen, die sich ihren Status als Lieblingsmenschen erst wieder verdienen mussten, weil sie sich tatsächlich eingebildet hatten, ihn, den Dackel, einfach so drei Wochen alleine lassen zu können.
Frau Ana wollte the most cheesy Handwerks-Item ever possible und bekam denn auch gleich die Quittung und einen metallenen, goldfarbenüberzogenen Dodovogel - der offiziell erste Anwärter aus dem Tierreich auf den Darwin-Award, weil er nämlich zu blöd zum Fliegen und außerdem treudoof zutraulich war, sodass die spanischen Seefahrer ein Leichtes hatten ihn auszurotten. Auch der noch nicht geborene Sohn wurde mit selbigen Vogel aus Plüsch beschenkt, denn seine Augen sind genäht und deswegen kindersicher, und er trägt ein rotes Top mit der Aufschrift “Tou korek?!”, was kreolisch für “Alles klar?!” ist, und die Schwiegermutter hat spekuliert, das, wenn der Dodo das Lieblingsweichwurstel für den dann geborenen Sohn wird, er vielleicht vor “Mama” und “Papa” doch “Dodo” sagen wird, ähnlich wie das Kind in der Brillenwerbung.
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