Demokratie wagen!
Das nenn ich clever. Da sitzt man so um den Tisch herum, ein bisschen Weißwein auch schon intus, mit Bürogeschichten, Musiktalk und der SPIEGEL-Bestsellerliste ist man durch und unweigerlich kommt es zu den richtig kontroversen Themen. Welthunger! Globalisierung! Oder auch: Demokratie! Oft von Mittelstandssnobs mit Fast-Hochschulabschluss vor allem zu Wahlzeiten gern genannter Vorschlag: Warum eigentlich entziehen wir den Deppen nicht das Wahlrecht?! Ach nein, geht nicht, das ist undemokratisch… Dann ein Test. Ja, ein Demokratie-Test! Erst wenn man zehn Seiten politische Fragen mit mindestens 70% Richtigquote abschließt, darf man wählen!
Quatsch, Demokratie-Test! Das machen wir viel perfider, haben sich wahrscheinlich die Mädels und Jungs von GlobalVoter.org gedacht. Eigentlich meinen wir ja genau dasselbe, aber wir verkaufen es als “Beitrag zur Entwicklung der politischen Zukunft”.
Und es verdient schon Anerkennung, was da aufgezogen wurde. Man nehme ein paar Pseudo-Experten, schreibe ein laaanges Pro-Demokratie-Pamphlet auf der Internet-Startseite, das von jedem Verdacht ablenkt [Qualitative Demokratie!], schreibe einen Satzungsvorschlag, damit es offiziell und trotzdem unverbindlich aussieht und unterbreite der Masse schließlich sein zukünftiges Wunschwahlprozedere: JedeR BundesbürgerIn hat von Geburt an eine Wahlstimme. Bis auf zehn Wahlstimmen kann man seinen Einflussbereich im Laufe seines Lebens ausweiten, denn wer sich um die Gesellschaft besonders verdient macht, soll de facto auch mehr Einfluss haben, als es heute in unserer Scheindemokratie der Fall ist. Besonders verdient heißt: eine Stimme mehr bei Schulabschluss, eine Stimme mehr bei Berufs- oder Hochschulabschluss [wir sind ja alle gleich…], eine Stimme mehr bei Promotion und Habilitation [und manche gleicher…], eine Stimme mehr bei zehn Jahren ehrenamtlichem oder sonstigem Engagement, zwei mehr bei zwanzig, drei mehr bei dreißig, und wer dann noch so richtig extra was macht in so richtig tollen “Gremien” kriegt nochmal 1-3 Stimmen mehr.
Im besten Alter und überdurchschnittlich engagiert kann man so auf glatte 10 Stimmen kommen. Das gefällt mir dann aber doch am Besten: ”
Diejenigen Wählerinnen und Wähler, die nur mit einer Stimme abstimmen könnten oder wollten, werden mit einem Minderheitenschutz versehen, obwohl sie in der „Neuen Demokratie“ quantitativ vielleicht die Minderheit ausmachen.”
Wahnsinn. Minderheitenschutz. Geht’s eigentlich noch abgehobener? Populistischer jedenfalls nicht mehr. Ich habe selten soviel Schwachsinn auf einmal lesen dürfen wie in diesem Intentionstext.
Ein paar Fragen drängen sich mir dann doch auf:
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Zählt eigentlich auch die Kinderaufzucht? Das ist schließlich eine besonders gemeinschaftliche Leistung im Angesichts des baldigen Aussterbens der deutschen Menschenrasse. Das würde ja dann auch heißen, dass die Großfamilie von nebenan, die im schlimmsten Fall nur Kinder, aber keine Bildung hat und damit perfekt in das von mittelständischer Sicht passende Profil des Nichtwählendürfers passte, am Ende vielleicht doch mehr Wahlstimmen hat als der kinderlose Yuppie, der für ehrenamtliche Arbeit gar keine Zeit hat, weil er ja Geld verdienen muss.
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Verschwinden die von GlobalVoter beklagten Absurditäten [Vorteilsnahme von Interessengruppen, keiner sieht mehr durch], wird Demokratie einfacher und wenden sich die Leute plötzlich wieder hin, wenn die Aussicht auf mehr Einfluss besteht?
Alles, was hier beklagt wird, ließe sich mit dem Hinzufügen von ein paar plebiszitären Elementen leicht lösen. Wollt ihr gentechnisch veränderte Lebensmittel, einen Auslandseinsatz der Bundeswehr, mehr oder weniger Datenschutz? Volksabstimmung raus und die, die keinen Bock haben, wären auch die mit nur einer Wahlstimme.
GlobalVoter - was für eine dekadente, großmäulige Scheiße.
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