Die Welt ist schlecht
Also jedenfalls ein großer Teil davon. Dass Berliner Taxifahrer passagiertransportfreie Zwischenphasen jetzt damit überbrücken, durch die Straßen zu gondeln und nach saftlosen Autobatterien Ausschau zu halten, um dann gegen Geld [und wir reden hier nicht von 2, 3 oder 5, sondern von 10 EUR, die das Ergebnis eines Herunterhandelns von 15 EUR waren] ein Starterkabel und ihre Hilfe anzubieten, daran habe ich mich fast gewöhnt, obwohl ich es trotzdem fragwürdig finde und gerne wissen würde, in welches Land eigentlich die Nächstenliebe ausgewandert ist [in irgendein altmodisches wahrscheinlich, denn wie klingt das auch, “Nächstenliebe”?] Dass Berliner Radfahrer hingegen gerne auf durch Bauarbeiten eigeengten Straßenzügen mit viel Verkehr nebeneinander fahren, eine Kraftfahrzeugschlange im für Radfahrer üblichen Tempo hinter sich herziehen, und dann auf den durch das Beifahrerfenster erfolgenden sanften Hinweis, dass das irgendwie total arschig und sinnlos ist, ein von Herzen kommendes, quälend nachäffendes, fast hingespucktes “Ja ja..!” von sich geben [wo eigentlich nur noch die Hühnerflügel imitierenden unter den Achseln eingeklemmten Arme fehlen], was einem insgesamt das Gefühl gibt, in die Liga der brillentragenden auf Kissen im Fensterrahmen aufgestützten Hochparterre-Meckeromis abgestiegen zu sein, ist mal so richtig daneben. Dass sich aber neuerdings lesermailmäßig in den Servicecentren einer nicht genannten Firma darüber beschwert wird, dass man für die Teilnahme an einer Online-Umfrage ein Geschenk bekommt, das man schon bei der letzten Umfrage bekommen hat, weil man nämlich sowieso immer überall mitmacht, wo es für umsonst was abzugreifen gibt, egal was es ist, Hauptsache umsonst, ist sowas von gar nicht mehr akzeptabel, dass ich ernsthaft an den Menschen zu zweifeln beginne:
Hallo […], leider haben Sie mir auf meine Anfrage noch nicht geantwortet. Den Reisegutscheincode habe ich schon doppelt. Ich habe einen Fragebogen ausgefüllt und ich bekomme dafür einen Gutschein, den Sie schon mal vegeben haben. Warum antworten Sie auf Anfragen und Kritik nicht?
Mit freundlichen Gruss
[…]
Geht’s noch? Welche Probleme genau beschäftigen uns eigentlich gerade als Menschheit im Ganzen? Global Warming? Hunger? Wasserknappheit? Umweltverschmutzung? Kinderarbeit? Manche Leute können keinen Urlaub buchen und dafür einen Gutschein einlösen, weil sie nämlich nicht mal wissen, was sie heute abend ESSEN sollen. Und manche Leute sind so kapitalismusgeil, dass sie gar nichts mehr merken.
Für Globus-im-Kopf-Trotter
Ein nicht neues, mir bis hierhin aber unbekanntes Googletool: Panoramio. Bietet eigentlich genau das, was bei Google Earth noch noch gefehlt hat, nämlich Fotos von den Plätzen, die man sich gerade von oben anschaut - hochgeladen von Usern und mit Tags versehen, sozusagen Geographie-Flickr. Die Bilder sind zum größten Teil hochauflösend und machen deswegen auch als Wallpaper viel Freude. Kann man mal wieder schön hängenbleiben.
Demokratie wagen!
Das nenn ich clever. Da sitzt man so um den Tisch herum, ein bisschen Weißwein auch schon intus, mit Bürogeschichten, Musiktalk und der SPIEGEL-Bestsellerliste ist man durch und unweigerlich kommt es zu den richtig kontroversen Themen. Welthunger! Globalisierung! Oder auch: Demokratie! Oft von Mittelstandssnobs mit Fast-Hochschulabschluss vor allem zu Wahlzeiten gern genannter Vorschlag: Warum eigentlich entziehen wir den Deppen nicht das Wahlrecht?! Ach nein, geht nicht, das ist undemokratisch… Dann ein Test. Ja, ein Demokratie-Test! Erst wenn man zehn Seiten politische Fragen mit mindestens 70% Richtigquote abschließt, darf man wählen!
Quatsch, Demokratie-Test! Das machen wir viel perfider, haben sich wahrscheinlich die Mädels und Jungs von GlobalVoter.org gedacht. Eigentlich meinen wir ja genau dasselbe, aber wir verkaufen es als “Beitrag zur Entwicklung der politischen Zukunft”.
Und es verdient schon Anerkennung, was da aufgezogen wurde. Man nehme ein paar Pseudo-Experten, schreibe ein laaanges Pro-Demokratie-Pamphlet auf der Internet-Startseite, das von jedem Verdacht ablenkt [Qualitative Demokratie!], schreibe einen Satzungsvorschlag, damit es offiziell und trotzdem unverbindlich aussieht und unterbreite der Masse schließlich sein zukünftiges Wunschwahlprozedere: JedeR BundesbürgerIn hat von Geburt an eine Wahlstimme. Bis auf zehn Wahlstimmen kann man seinen Einflussbereich im Laufe seines Lebens ausweiten, denn wer sich um die Gesellschaft besonders verdient macht, soll de facto auch mehr Einfluss haben, als es heute in unserer Scheindemokratie der Fall ist. Besonders verdient heißt: eine Stimme mehr bei Schulabschluss, eine Stimme mehr bei Berufs- oder Hochschulabschluss [wir sind ja alle gleich…], eine Stimme mehr bei Promotion und Habilitation [und manche gleicher…], eine Stimme mehr bei zehn Jahren ehrenamtlichem oder sonstigem Engagement, zwei mehr bei zwanzig, drei mehr bei dreißig, und wer dann noch so richtig extra was macht in so richtig tollen “Gremien” kriegt nochmal 1-3 Stimmen mehr.
Im besten Alter und überdurchschnittlich engagiert kann man so auf glatte 10 Stimmen kommen. Das gefällt mir dann aber doch am Besten: ”
Diejenigen Wählerinnen und Wähler, die nur mit einer Stimme abstimmen könnten oder wollten, werden mit einem Minderheitenschutz versehen, obwohl sie in der „Neuen Demokratie“ quantitativ vielleicht die Minderheit ausmachen.”
Wahnsinn. Minderheitenschutz. Geht’s eigentlich noch abgehobener? Populistischer jedenfalls nicht mehr. Ich habe selten soviel Schwachsinn auf einmal lesen dürfen wie in diesem Intentionstext.
Ein paar Fragen drängen sich mir dann doch auf:
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Zählt eigentlich auch die Kinderaufzucht? Das ist schließlich eine besonders gemeinschaftliche Leistung im Angesichts des baldigen Aussterbens der deutschen Menschenrasse. Das würde ja dann auch heißen, dass die Großfamilie von nebenan, die im schlimmsten Fall nur Kinder, aber keine Bildung hat und damit perfekt in das von mittelständischer Sicht passende Profil des Nichtwählendürfers passte, am Ende vielleicht doch mehr Wahlstimmen hat als der kinderlose Yuppie, der für ehrenamtliche Arbeit gar keine Zeit hat, weil er ja Geld verdienen muss.
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Verschwinden die von GlobalVoter beklagten Absurditäten [Vorteilsnahme von Interessengruppen, keiner sieht mehr durch], wird Demokratie einfacher und wenden sich die Leute plötzlich wieder hin, wenn die Aussicht auf mehr Einfluss besteht?
Alles, was hier beklagt wird, ließe sich mit dem Hinzufügen von ein paar plebiszitären Elementen leicht lösen. Wollt ihr gentechnisch veränderte Lebensmittel, einen Auslandseinsatz der Bundeswehr, mehr oder weniger Datenschutz? Volksabstimmung raus und die, die keinen Bock haben, wären auch die mit nur einer Wahlstimme.
GlobalVoter - was für eine dekadente, großmäulige Scheiße.




