Eine Geschichte von dir #3

Wer mir am meisten suspekt ist? Diejenigen, die verkrampft versuchen dazuzugehören, bestimmte Kleidung tragen, auf irgendwelche Feiern gehen, und sich selbst dabei vergessen. Ich habe das auch versucht, auf dem Gymnasium. Habe mich immer gemeldet, wenn noch Referatspartner gesucht wurden oder freiwillige Aufgaben verteilt wurden. Mit Melanie, einem wirklich hübschen Mädchen, habe ich dann öfter Referate vorbereitet, ich habe alles ausgearbeitet und sie hat es gehalten, sie war besser in solchen Dingen, und irgendwann dachte ich, das läuft richtig gut, vielleicht würde sie ja mit mir ausgehen. Und dann, eines Tages, hat sie mich wirklich eingeladen. Auf der Feier ist mir erst spät aufgefallen, dass fast alle aus meinem Schachclub da waren, die sonst nie auf Partys gingen, und überhaupt keiner von den sogenannten “Coolen” aus der Raucherecke. Melanie war am Ende ganz beschwipst, und hat mich gebeten, sie und drei von ihren Freundinnen noch in diese Disko zu fahren. Beim Aussteigen ist sie gestolpert, hat aber angefangen zu lachen und ist Arm in Arm mit ihrer besten Freundin in die Disko gestolpert. Nicht, dass ich erwartet hätte, dass sie mich einlädt mitzukommen, aber wenigstens “Auf Wiedersehen” hätte sie sagen können. In der nächsten Schulwoche ist dann so ein zusammengetackertes Heft im Gebäude kursiert. Klaus, mein damals bester Kumpel, kam Mittwoch in den Computerraum und zeigte mir eine Kopie. “Freakshow” war der Titel und im ganzen Heft waren Fotos von der Feier, bei der ich gewesen war. Lauter hübsche Mädchen und ihre Verabredungen - ich, Klaus, Marten und Torsten aus dem Schachclub usw. Danach habe ich nie wieder mit Melanie gesprochen und ich habe auch nie wieder versucht dazuzugehören. Ich bin mir treu, ich verbiege mich nicht, und ja, ich kann sagen, ich bin stolz darauf. Ich habe nach dem Abitur weit weg von zuhause angefangen zu studieren und konnte alles hinter mir lassen. Ich wohne im Studentenwohnheim und wenn es draußen laut wird, weil die anderen Bier trinken oder so, dann setze ich zum “Age of Empires”-Spielen meine Kopfhörer auf. Ich habe jeden Tag 2 bis 3 Unikurse, bin im universitären Schachclub und treffe mich immer donnerstags mit drei anderen Jungen zum Computerspielen. Meine Eltern sind die Besten. Sie bezahlen mein Studium, damit ich nicht irgendeine Arbeit annehmen muss, die mich vom Studieren abhält. Einmal im Monat fahre ich nach Hause, meine Mutter schneidet dann meine Haare, und hat immer einen Rollkragenpulli oder eine bequeme Jogginghose für mich. Das ist sehr praktisch, weil ich nicht überlegen muss, was ich jeden Tag anziehe.
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