Samstags viertel vor neun auf dem Heinrichplatz
Jetzt weiß ich, dass ich eine gute Mutter sein werde, weil ich nämlich viel zu früh aufgewacht bin, obwohl ich ausschlafen konnte, aus einem nicht zu verhindernden Drang heraus den Vorhang beiseite schob und einen Fahrradfahrer sah, der mitten auf dem Platz von einem Auto erwischt wurde und bewusstlos liegen blieb. Der dumpfe Aufprall hallte noch in meinen Ohren und abgesehen davon, dass viel passiert hier in Kreuzberg und man immer was zu gucken hat, freute ich mich doch sehr, weil das bewies, dass ich meine Mutterinstinkte noch nicht vor zwei Jahren bei einem Barfussrave in einem Berliner Park hinter einer Hecke liegen gelassen hatte.
Was dann zu beobachten war, übertraf trotz der Tragik dieses frühen Morgens, die Schönheit des makellos hellblauen Himmels bei Weitem. Das obligatorische türkische Oma-Mutter-Kind-Gespann stand einfach nur da und gaffte. Zwei Frauen liefen mit der Hand vor dem Mund verzweifelt-hektisch umher und scheiterten an ihrer mangelnden medizinischen Ausbildung und ihren Emotionen. Sie waren nicht die Insasseninnen des den Fahrradfahrer erlegten Vehikels, das fand ich aber erst raus, als ein stoischer Mann im besten Alter, mit graumeliertem Haar, schnieker Lesebrille und gut sitzendem Anzug, aus eben diesem Auto eine Schachtel Kippen holte, um sich erst mal eine anzustecken. Er wanderte sodann ruhig umher und überließ es einer der hektischen Frauen, Rettungsmaßnahmen per Mobiltelefon einzuleiten. Die folgenden Minuten verstrichen nahezu ereignislos und müssen wohl die peinvollsten innerhalb eines solchen Ereignisses sein. Der Kellner eines der umliegenden Cafés hatte inzwischen einen großen Haufen Decken angeschleppt, mit denen der Darniederliegende bedeckt wurde. Die Freunde und Helfer waren immer noch nicht da, aber ein großer Dunkelhaariger hatte derweil entschlossen die Szenerie betreten und legte, für meine Begriffe vergleichsweise harsch, Hand an den Kopf und Nacken des Opfers an. Der Doktortyp, ja klar, der hatte noch gefehlt. Er hatte aber augenscheinlich magische Hände, denn flugs, als der erste Polizeiwagen sich vom kurzen Ende der Oranienstraße näherte, zuckte der Fahrradfahrer, bewegte sich mehr und mehr und rappelte sich schließlich in die Sitzposition mit ausgestreckten Beinen hoch. Was für ein Schauspiel! Innerhalb von 25 Sekunden trafen zwei Rettungswagen und die Feuerwehr ein, entließen circa acht Rettungskräfte und nur zwei von denen standen dann vor dem inzwischen wieder auf beiden Beinen stehenden Fahrradfahrer und fragten ihn wahrscheinlich, ob er gut sehen kann und ob sein Kopf sich schwer anfühlt. Die anderen standen nur so rum und warteten auf etwas, bei dem sie ihre hervorragende Ausbildung unter Beweis stellen konnten.
Es passierte aber nichts mehr. Bis auf das Polizeiauto zogen alle ab, das Opfer wurde mitgenommen, die Gaffer verschwanden, die Unfallzeugen stiegen wieder in ihre Autos oder auf ihre Fahrräder. Übrig blieben zwei Polizisten und der Todesfahrer, der immer noch stoisch guckte, während die Polizisten Worte in ihren Klemmbrettbericht schrieben und mit Kreide die Außenlinien seines Wagens auf dem Asphalt markierten. Ich schlief dann wieder ein und als ich zwei Stunden später aufwachte, waren die Kreidelinien weg.


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