Please forget your empty fridge
Meinen Mobiltelefonfotofolder [Hach, schon allein deshalb macht es Spaß, mit Handys zu fotografieren!] aufgeräumt, das da unten gefunden und an Mitte Februar gedacht, als Marco - unser italienischer Freund, den wir in London kennengelernt haben und der zur Zeit wohnhaft in Brüssel ist - für ein paar Tage in Berlin war.
Es war dunkel, kalt und ca. neunzehn Uhr. Standort: Potsdamer Platz, Holocaust-Denkmal. Wir steigen aus dem Auto und sehen dieses Schild:

Marco: What is this?!
Fab: This is an exhibition about the 35th anniversary of the German-Polish school book committee…………….Ähm, by the way, it’s closed.
Marco: WHAT?!?!?! I came all the way from Brussels and now it’s closed?!?!
Hach, der Marco. Liebe, Liebe, das ist alles, was einem einfällt, wenn man an ihn denkt. Das isser:

Er ist übrigens Architekt, kann fantastisch kochen und verfügt über die superheldenhafte Gabe, sich nur mit einer Schachtel Streichhölzer und einer Schnur bewaffnet aus einem tür- und fensterlosen Raum befreien zu können [That’s what THEY assumed…]. Sein teuflisches Lachen ist noch viel schlimmer als sein psychopathisches Aussehen!
Fallstudie
Eine interessante Frage, die in der heutigen Gruppenarbeit im Seminar meines jetzt schon Lieblingsdozenten aus Michigan erörtert wurde:
Hugo von Hofmannsthal, der Dichter und Librettist vieler Richard Strauss-Opern, hatte die Nutzungsrechte an seinen Werken dem Komponisten übertragen und mit ihm eine prozentuale Aufteilung der Tantiemen vereinbart. Hofmannsthal starb 1929; die Schutzfrist für seine Libretti lief nach deutschem Urheberrecht 70 Jahre danach, also 1999 ab. Seither verweigern die Erben von Richard Strauss, der 20 Jahre später starb, den Erben von Hofmannsthal die Auszahlung der vereinbarten Beteiligung. Jetzt muss das Landgericht München I entscheiden: Welches Recht gilt bei so genannten Werkverbindungen wie „Der Rosenkavalier“, „Elektra“ oder „Die schweigsame Frau“, wenn bei einem der verbundenen Einzelwerke die Schutzrechte erloschen sind? Immerhin geht es um rund 750.000 Euro pro Jahr.
[via: http://www.operundtanz.de/archiv/2006/06/schlagzeilen.shtml]
Obwohl der Fall nach deutschem Urheberrecht relativ klar ist [Text und Musik werden einzeln und nicht als gemeinsames Werk gezählt, die Rechte der Hoffmannsthal Erben sind durch die 70-Jahres-Frist erloschen], hat es selbst ein großer Haufen Bibliothekare nicht geschafft, sich einig zu werden. Die wichtigsten Fragen lauten: 1. Was ist eine Oper? Musik oder Text oder beides? 2. Welche Relevanz hat der für die Ewigkeit geschlossene Vertrag zwischen Hoffmannsthal und Strauss? 3. Sollten die Erben wirklich an den Tantiemen beteiligt werden oder nicht doch nur eine Entschädigung für die Nutzungsrechte erhalten?
Der Fall ist noch nicht entschieden. Das verfolge ich mal weiter.
Verbinden Sie mich mit dem Chefredakteur
Die Liste der innehabenden Positionen auf meiner nicht einmal existenten Visitenkarte wird immer länger. Seit der heutigen Nacht ist darauf verzeichnet: Exklusiv-Reporterin vom Heinrichplatz. Exklusiv deshalb, weil ich hier ja akustisch und visuell so am Puls der Zeit bin und rein praktisch auch nur zwei mittelgroße Schritte vom Fenster zum Schreibtisch entfernt, bis ich meine Nachricht in die ganze Welt tragen kann, dass selbst der Ü-Wagen der Polizei mal schön alt aussieht.
Heute Nacht um drei beispielsweise habe ich von meinem Recht des Dissidententums Gebrauch gemacht und drei Arschgeigen bei der Polizei angeschwärzt, die sich wodka- und ärgerbenebelt geschlagene dreißig Minuten direkt vor unserem Haus wahrscheinlich Schimpfworte gegenseitig an den Kopf warfen. Ich spekuliere aber nur, weil ich das verwendete Zeichensystem trotz weitreichender Linguistikkenntnisse nicht exakt ausmachen konnte. Die Tatsache, dass die Konversation sehr laut ablief und umstehende Autos mit Schlägen der flachen Handfläche bedacht wurden, lässt mich aber vermuten, dass die drei sich über irgend etwas uneinig waren. Was hätte ich auch tun sollen? Die Hausseite, die unser Schlafzimmer beherbergt, steht in einem ungünstigen Einfallwinkel zur Sonne, sodass diese während ihrer täglichen Scheindauer reichlich Zeit hat, das Gemäuer auf schätzungsweise 50°C aufzuheizen. Die Nacht müsste wiederum 20 Stunden dauern, um wieder das Normalmaß herzustellen, da das aber ein menschlich nicht zu beeinflussender Faktor ist und ich vor der Wahl “Schlafend ersticken oder bei frischer Luft nicht notwendigerweise wach sein” stand, habe ich mich dazu entschlossen, Rechtsgläubigkeit walten zu lassen.
Als die Dame und der Herr in Grün endlich ankamen, waren die drei Unruhestifter natürlich schon weg.
Des Weiteren kann ich in meiner Position als Reporterin berichten, dass der Heinrichplatz beliebter Umschlagplatz für Demonstrationen der vor allem radikalen Linken ist. Am 1. Mai ließ sich das erstmals in aller Ausführlichkeit beobachten und bereits heute Vormittag und am frühen Abend weiterverfolgen. Während es vor einer Woche um Unzufriedenheit mit dem kapitalistischen Schweinesystem so ganz im Allgemeinen ging, hatten die heutigen Zusammenrottungen einen konkreten Anlass, nämlich die heimliche Versteigerung einer der Hochburgen alternativer Lebenswirklichkeit in unserer schönen Stadt, der Köpi. Es lässt sich feststellen: Schwarz ist eine vorteilhafte Kleidungsfarbe für jeden Radikalen. Der Besitzer der Roten Harfe hat von allen Gewerbetreibenden am meisten Ungemach zu erleiden, weil nur in dieses Etablissement hinein Fluchtversuche gestartet werden. Wenn einem nichts mehr einfällt, kann man immer noch “Nazis” in Richtung der Polizei brüllen.
Wenn das so weitergeht, habe ich am Ende des Sommers jede Angriffs- und Rückzugstaktik, zumindest theoretisch, drauf.
Ich sehe mich da auch ganz in der Tradition von Bleistift hinters Ohr klemmenden, den Hut genau drei Grad zu sehr in den Nacken stülpenden, kettenrauchenden Journalisten der alten Schule, die man aus Gründen der Nachvollziehbarkeit in Filmen der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts in ihrer natürlichen Umgebung besichtigen kann.
Samstags viertel vor neun auf dem Heinrichplatz
Jetzt weiß ich, dass ich eine gute Mutter sein werde, weil ich nämlich viel zu früh aufgewacht bin, obwohl ich ausschlafen konnte, aus einem nicht zu verhindernden Drang heraus den Vorhang beiseite schob und einen Fahrradfahrer sah, der mitten auf dem Platz von einem Auto erwischt wurde und bewusstlos liegen blieb. Der dumpfe Aufprall hallte noch in meinen Ohren und abgesehen davon, dass viel passiert hier in Kreuzberg und man immer was zu gucken hat, freute ich mich doch sehr, weil das bewies, dass ich meine Mutterinstinkte noch nicht vor zwei Jahren bei einem Barfussrave in einem Berliner Park hinter einer Hecke liegen gelassen hatte.
Was dann zu beobachten war, übertraf trotz der Tragik dieses frühen Morgens, die Schönheit des makellos hellblauen Himmels bei Weitem. Das obligatorische türkische Oma-Mutter-Kind-Gespann stand einfach nur da und gaffte. Zwei Frauen liefen mit der Hand vor dem Mund verzweifelt-hektisch umher und scheiterten an ihrer mangelnden medizinischen Ausbildung und ihren Emotionen. Sie waren nicht die Insasseninnen des den Fahrradfahrer erlegten Vehikels, das fand ich aber erst raus, als ein stoischer Mann im besten Alter, mit graumeliertem Haar, schnieker Lesebrille und gut sitzendem Anzug, aus eben diesem Auto eine Schachtel Kippen holte, um sich erst mal eine anzustecken. Er wanderte sodann ruhig umher und überließ es einer der hektischen Frauen, Rettungsmaßnahmen per Mobiltelefon einzuleiten. Die folgenden Minuten verstrichen nahezu ereignislos und müssen wohl die peinvollsten innerhalb eines solchen Ereignisses sein. Der Kellner eines der umliegenden Cafés hatte inzwischen einen großen Haufen Decken angeschleppt, mit denen der Darniederliegende bedeckt wurde. Die Freunde und Helfer waren immer noch nicht da, aber ein großer Dunkelhaariger hatte derweil entschlossen die Szenerie betreten und legte, für meine Begriffe vergleichsweise harsch, Hand an den Kopf und Nacken des Opfers an. Der Doktortyp, ja klar, der hatte noch gefehlt. Er hatte aber augenscheinlich magische Hände, denn flugs, als der erste Polizeiwagen sich vom kurzen Ende der Oranienstraße näherte, zuckte der Fahrradfahrer, bewegte sich mehr und mehr und rappelte sich schließlich in die Sitzposition mit ausgestreckten Beinen hoch. Was für ein Schauspiel! Innerhalb von 25 Sekunden trafen zwei Rettungswagen und die Feuerwehr ein, entließen circa acht Rettungskräfte und nur zwei von denen standen dann vor dem inzwischen wieder auf beiden Beinen stehenden Fahrradfahrer und fragten ihn wahrscheinlich, ob er gut sehen kann und ob sein Kopf sich schwer anfühlt. Die anderen standen nur so rum und warteten auf etwas, bei dem sie ihre hervorragende Ausbildung unter Beweis stellen konnten.
Es passierte aber nichts mehr. Bis auf das Polizeiauto zogen alle ab, das Opfer wurde mitgenommen, die Gaffer verschwanden, die Unfallzeugen stiegen wieder in ihre Autos oder auf ihre Fahrräder. Übrig blieben zwei Polizisten und der Todesfahrer, der immer noch stoisch guckte, während die Polizisten Worte in ihren Klemmbrettbericht schrieben und mit Kreide die Außenlinien seines Wagens auf dem Asphalt markierten. Ich schlief dann wieder ein und als ich zwei Stunden später aufwachte, waren die Kreidelinien weg.


Here I am to save the day
Neue Tasche, gestern fertig geworden, bereit mich mit buntem Innenfutter durch den Sommer zu begleiten, meine Bücher, die ich selber schreibe oder doch bloß lese, die Creme für die Hände und gegen die Sonne, Kaugummis und jeden anderen notwendigen Tüniff zu beherbergen, so wie ihr Zweck das vorschreibt.
Ich freu mich jetzt schon auf zusammengekniffene Augenpaare, die versuchen zu entziffern, was ich liebevoll und dilettantisch mit pinkfarbenem Nähgarn eingestickt habe.
Meine neue Tasche. Ich glaub, da mach ich einen Song draus. Über Liebe singen lohnt nicht mehr, wenn sie allerorten mich umgibt.


Neulich im Hausflur meiner Freunde
Der Abend bestand aus Sportzigaretten und verschiedenen jungen Menschen, die die Leiter zum unter die Decke verfrachteten Wohnzimmerpodest mit Matratze herauf- und wieder herabkletterten, Nahrungsmittel mitbrachten, deren Reste von den hungrigen Verrauchten dankbar in die Mäuler gestopft wurden. Derweil liefen große dünne zickige Schnitten durch L.A. und über den Fernsehbildschirm, der auch noch Platz gefunden hatte, da oben unter der Decke. Es war amüsant, besonders der Moment, als ich den Drehunterlagenholzklotz auf den Knien hatte und mein Telefon klingelte, aber nur noch rief: “Nein, ich werde es nicht schaffen!”, während die anderen prusteten und mir unterstellten, ich hätte mich auch nicht sonderlich bewegt, um zur vibrierenden Kleinelektronik zu gelangen.
Später wankten wir nach Haus, ich und der Kerl, der mich abgeholt hatte, und hätte er nicht diesen Historikerblick, der an allem kleben bleibt, was irgendwie nach [einer] Geschichte aussieht, wäre ich wohl glatt an dem Holzkasten, der unten im Hausflur hing, vorbeigelaufen. Die Namen früherer Mieter waren verzeichnet und der Moment, als ich meinen sah, war karmageschwängert, das kann ich euch sagen. Ich heiße nämlich nicht Meier oder Schulze, mein Name ist ganz schön selten. [Der untere übrigens, das ist nur wegen der Optik, dass der andere mit drauf ist.] Wir kommen nicht mal aus dem Westen, meine Familie und ich, denn Kreuzberg war mal Westen zu der Zeit, wo dieses Schild wahrscheinlich vom Hausmeister dort befestigt wurde. Ich habs mitgenommen, als Zeichen meiner Existenz und wenn ich das nächste Mal nicht einschlafen kann, überlege ich mir, wer dahinter steckte, dort hinter der ersten Treppe.





