Du bist zu weit gekommen, um die Anweisungen von einem Keks zu befolgen
Gestern habe ich von Pia inspiriert einen Artikel aus google bits zusammengestellt. Dabei festgestellt, das Ana nicht nur die osteuropäische Variante des Names Anna ist, den ich mir aus Gründen der Kunst gegeben habe, sondern auch die Abkürzung für Anorexia nervosa, also Magersucht, die in ihrer verniedlichenden Kurzform für ein neues sogenanntes “Lebensgefühl” herhalten muss.
Pro-Ana kennzeichnet eine Internet-Bewegung, an der man in diesem Zusammenhang nicht vorbeikommt. Für alle nicht mehr fünfzehnjährig Verzweifelten ein kurzer Exkurs:
Die Anhänger von Pro-Ana, fast ausschließlich junge Frauen, tauschen sich über spezielle Pro-Ana-Websites aus. Sie stellen dort die Magersucht bildhaft als extremes Schlankheitsideal dar, dem sie sich mit radikalen Maßnahmen nähern, um letztendlich Zufriedenheit mit sich und ihrem Aussehen zu erreichen. Die Magersucht erhält dabei den Anklang einer Art der Selbstverwirklichung, der Souveränität und der Macht über den eigenen Körper, die gegen eine feindselige Umwelt verteidigt werden muss. Die Assoziation von „Ana“ mit dem Namen „Anna“ ist gewollt und steht für eine idealisierte Personifikation der Magersucht. Sie kommt insbesondere im „Brief von Ana“ zum Ausdruck, der sich auf den Webseiten der Bewegung als ein zentrales Manifest findet.
[via wikipedia]
Das was ich bis jetzt bei meiner Recherche lesen musste, ist verdammt finster: Es gibt Regeln, Glaubensbekenntnisse, Tipps fürs Kotzen, Fasten, Geheimhalten vor Eltern und Freunden, Ratschläge für den Medikamentenmissbrauch, was man macht, wenn man da ist, wo alle essen [Geburtstagsfeiern, Restaurantbesuche], Wettbewerbe [wer hat den niedrigsten BMI?] und die unausweichlichen Fotos vom Knochengerüst, das sich durch die dünne Haut den Weg an die frische Luft bahnt.
Ana ist wirklich Lebensstil. Anders ist der Entschluss, spindeldürr zu sein, auch gar nicht zu bewältigen, denn er erfordert selbstredend einen hohen Aufwand. Fast immer sind gruselige Lebensgeschichten Ursache fürs extreme Hungern, das im Großteil der Fälle den Hang zum Sichselbstschneiden, Depressionen und was es sonst gibt, nach sich zieht. Die Begründung In der Vergangenheit habe ich die Kontrolle verloren, an Eltern, die sich scheiden ließen, Menschen, die mich missbrauchten und schlugen, dass ich in Ana die Möglichkeit sehe, die Kontrolle zurückzugewinnen, denn die/der Einzige, der meinen Körper kontrollieren kann, bin ich selbst, lässt mich dann auch davon absehen, den Size-Zero-Models und -Schauspielerinnen eine schlechte Vorbildfunktion vorzuwerfen. In beiden Fällen sind Zwänge der Grund. Auf der einen Seite von Eltern, die irgendwie gar nichts richtig gemacht haben, auf der anderen Seite von real existierenden Managern, Produzenten, Regisseuren usw., die dennoch allesamt auf scheinheilige, nicht anfassbare, keiner weiß, woher kommende Schönheitsideale zurückgreifen.
Wirkliche Unterstützung scheinen Pro-Ana-Mädchen nur in der Netzgemeinschaft zu finden. Die Töne, die sie sich gegenseitig in ihren Blogs hinterlassen, sind so zärtlich, dass einem fast Pipi in die Augen tritt. Und das Pipi bleibt da, denn einen Ausweg gibt es nicht. Ich bin ein grundsätzlich zuversichtlicher Mensch, bisschen dusselig-gutgläubig auch, aber Pro-Ana ist der erste Umstand, vor dem ich resignierend meine Mütze ziehe. Warum?
1. Es wird, bis die Erde in einem fulminant farbigen Feuerball in der Tiefe des Weltraums verpufft, debile, unbelehrbare, scheißbeknackte Vollspacken geben, die ihren fame daraus ziehen, kleine Mädchen zu ficken, grün und blau zu schlagen, zu vernachlässigen und wie einen Haufen Lebensmittelabfälle den gierigen Schweinen hinzuwerfen.
2. In der Konsequenz: Rasierklingenhersteller und Psychologen werden sich niemals über mangelnde Nachfrage beschweren können.
3. Das Internet entzieht sich jeglicher pädagogischer Kontrolle und bietet in seiner Weitläufigkeit immer und immer wieder Millionen Schlupflöcher. Es offenbart genau jetzt seine stinkenhässliche Fratze, weil es auch der letzten verlorenen Seele die Anonymität bietet, die sie braucht, um sich selbst zu zerstören und mehr oder weniger erhobenen Hauptes in den Lichttunnel zu wandern.
Ich bin fertig. Auch wenn ich wünschte, nur ein Mädchen retten zu können. Ich würde es zu mir nach Hause einladen und Erdbeerkuchen servieren. Ihm sagen, wie schön es ist, auch mit Bäuchlein. Ihm zeigen, dass Geburtstagsfeiern für sich Spaß sind und ihr Sinn genau darin liegt und nicht darin, das Essen zu vermeiden. Ich würde mit ihm im Auto rumfahren, ihm meine lustigen Freunde vorstellen und Enten in der Müritz. Ich würde es fragen, was es vom Leben will außer den Tod und ihm zeigen, dass man sich auch mit anderen Dingen obsessiv beschäftigen kann. Am Ende würde ich es ganz ganz ganz ganz lange & ganz ganz ganz ganz feste drücken. Diese Mädchen wollen nicht dünn sein. Diese Mädchen wollen lieben und geliebt werden.
Vielleicht Coco? Stefanie? Ana in Heaven? Olivia? Deni? Rosafee? Schnurrly15? Sweetana?
[Wegen der unglaublichen Dominanz des Blogproviders myblog innerhalb der Pro-Ana-Klientel schlage ich übrigens vor, diesen zu verbieten.]
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