Nostalgie ist keine Krankheit, sondern die natürliche Reaktion auf den Zustand der Sättigung
Das ging mir neulich durch den Kopf, als ich vor dem Einschlafen Regionalfernsehen aus Brandenburg schaute und danach in den fies-zittrig-nervös-kruden Indenschlaffallen-Prozess übersank.
In Brandenburg geht ganz schön was ab. Andreas Dresen hat sein Werk dem Filmmuseum Potsdam vermacht, in Vetschau geht dieser Tage eine riesige Solaranlage in Betrieb, die Auswertung einer einjährigen Evaluation in 100 Brandenburger Schulen wurde veröffentlicht [und die ist gar nicht schlecht ausgefallen]. Mein nun steigendes Interesse für die Region, aus der ich komme, kann der Einfaltspinsel mit “Huch! Ende-Zwanzig-Nostalgie!” abtun, aber das ist mir zu wenig. Die produktive Nicht-wach-nicht-Schlaf-Phase hat denn folgendes hervorgebracht.
Wenn du gerade fünfzehn geworden bist, spürst, dass irgendwie anders bist und in einer Kleinstadt in der Provinz lebst, dann hast du erstmal ein mieses Blatt in der Hand. Deine Mitmenschen können deinen Hunger nach Erkenntnissen nicht stillen, geschweige denn nachvollziehen und wenn sie dich fragen, wonach du überhaupt suchst, kannst du nicht mal sagen, was es ist. Du hast zu wenig gesehen und das Bild in deinem Kopf ist eine Mischung aus allen amerikanischen Vorabendserien und 20:15 Uhr-Filmen, die du jemals verfolgt hast. Dass du ein Außenseiter bist und nur wenige Freunde hast, ist klar, denn die menschlichen Unterschiede treten in dem Mikrokosmos Kleinstadt stärker hervor, weil eben nur so wenige Personen da sind, auf die man zurückgreifen kann. Der Drang, dem Mikrokosmos zu entfliehen, ist der Ausdruck deiner Suche nach Verbündeten.
Die Fluchtgedanken werden konkreter, je älter du wirst, denn die Kleinstadt antwortet einfach nicht auf die Fragen, die du ihr stellst. Dann schließt du die Schule ab und das ist nicht gelogen: Alle, alle, die mehr wollen, gehen weg in die großen Städte. Und alle, alle, die du schon auf der Schule blöd und langweilig fandest, bleiben in der Nähe, oder machen nur ihre Ausbildung wonanders und kehren trotzdem jedes Wochenende zurück. Du gehst in die große Stadt und willst gar nicht zurück, weil du zu sehr damit beschäftigt bist, dir das einzutrichtern, vielleicht auch nur zu kosten, was du vermisst hast, ohne dass du wusstest, dass es da ist. Das ist die Phase deiner Persönlichkeitskonsolidierung und die dauert in der Regel sehr lange. Auf deine Kleinstadt musst du nicht mehr schauen, selbstgefälliges Verhalten ist zwanghaft, denn was die Kleinstadt zu bieten hat, hattest du schon mit vierzehn vollendst erfasst. Hättest du es nicht getan, währst du ja nicht auf die Jagd nach andersartigen Abenteuern gegangen.
Wenn du dann dein Rezept des Lebens gefunden hast, geht meist noch eine Zeit ins Land, aber dann ist sie da, die Back to the roots-Periode. Das hört sich immer so schlimm an, schleimiger Nostalgiebrei, aber ich reihe mich da nicht ein. Ich gehe nicht zurück zu den Wurzeln. Die waren ja immer da, nur das Umfeld hat genervt. Alles ausprobieren heißt, erstmal keine Zeit für den Scheiß zu haben, den man sowieso schon kannte. Alles schon gesehen, warum soll ich mich damit beschäftigen? Wenn man dann für sich alles andere gesehen hat, von dem man vorher nur eine vage Vorstellung hatte, kann man doch viel besser entscheiden, was man will. Und man kann dann auch von diesen Dingen sagen, dass sie einen langweilen.
Nostalgie, die [griech.]: ([sehnsuchtsvolle] Rückwendung zu früheren Zeiten u. Erscheinungen, z.B. Musik, Kunst, Mode)
Ich leide nicht an Nostalgie dieser Art. Manchmal möchte ich schon wieder vierzehn sein und gar nichts machen müssen außer lästern, rumhängen und auf die Eltern sauer sein. Aber das sind amerikanische Vorabendserienphantasien, die nichts mit meiner reellen damaligen Teenager-Existenz zu tun haben. Wenn ich mich jetzt wieder meiner Region zuwende, dann, weil mich in der Großstadt auch nichts mehr überraschen kann.
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