Revolution der Herzen
Sehr ausführlicher, sehr gut recherchierter und geschriebener Artikel von Rolf Ehlers über das bedingungslose Grundeinkommen in der Readers Edition. [via albert]
Was mich dann doch wahrlich erstaunt hat, war wie sich in den Kommentaren gegenseitig die Köpfe eingeschlagen werden, wie teils sehr vernünftig, teils sehr haarsträubend argumentiert wird und doch so viele elementare Dinge nicht mal annähernd ins Blickfeld rücken.
1. Jene, die behaupten, es sei nichts mehr von den Menschen zu erwarten, wenn sie erst ein menschenwürdiges Einkommen erhielten, entblößen sich selbst als Faultier, denn auf solche Gedanken kommt man nur, wenn man selbst Sofakartoffel-Verhalten der Betätigung vorzöge. Das hat Götz W. Werner schon vor mehr als zehn Jahren festgestellt.
Unterschiedliche Arbeitsanforderungen verlangen nach unterschiedlich ausgebildeten Personen. Wer nur einen Hauptschulabschluss, vielleicht nicht mal eine Ausbildung hat, wird sich auf die “unangenehmen” Jobs bewerben müssen, denn für einen Chirurgen- oder ähnlichen Posten wird er wohl kaum geeignet sein. Desweiteren bietet das Grundeinkommen in dieser Hinsicht auch die Möglichkeit, mit den klassischen Modellen Vollzeit, Halbtag oder geringbeschäftigt zu brechen. Dass niemand mehr arbeiten würde, ist eine Fehleinschätzung. Dass aber viele gern nicht soviel arbeiten möchten, ist eine Tatsache. Gäbe man den Menschen, durch das in jedem Fall gesicherte Grundeinkommen, die Möglichkeit, sich nur 15 oder 20 Stunden pro Woche zu betätigen und trotzdem ein angenehmes Leben zu haben, das beide Aspekte, Arbeit und Faulheit, enthält, bin ich der festen Überzeugung, dass das Modell Grundeinkommen funktionierte.
2. Was nur haben soviele Menschen für eine Vorstellung von Arbeit? Sicher zählen offensichtliche Jobs dazu [Straßen bauen, Waren an der Kasse über den Scanner ziehen, Müllautos fahren usw.]. Eine Tatsache ist es ebenfalls, dass der traditionelle Arbeitsmarkt in seinen Umfängen schrumpft, weil wir Menschen es uns durch Automatisierung sehr bequem gemacht haben. Aber bergen nicht die daraus zwangsläufig im Übermaß vorhandenen Tätigkeiten, das vermeintliche “Freizeitverhalten”, ein enorm großes Potenzial? Auch das beinhaltet der Gedanke des Grundeinkommens: ein verändertes Verständnis von Arbeit zu schaffen.
Bloggen ist Arbeit. Kinder erziehen ist Arbeit. Studieren ist Arbeit. Kranke Angehörige zu pflegen ist Arbeit. Musik machen ist Arbeit. Diese Liste bis ins Unendliche weiterzuführen ist ebenfalls Arbeit… Es geht auch um die Anerkennung von Tätigkeiten, die heute nur als “einer muss es ja machen” oder “das kann ich nur in meiner Freizeit machen” gelten, um die Anerkennung von Tätigkeiten, die völlig abseits des traditionellen Arbeitsmarktes existieren. Die zur Erkenntnisfindung, zur Ausgestaltung und überhaupten Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Strukturen beitragen und dennoch nicht entlöhnt werden.
3. Der Mangel an Humanismus [den unsere Vorfahren und wir uns schwer erkämpft haben] in dieser Debatte erschreckt mich. Hast du keinen Job, kriegst du keine Wohnung. Hast du keine Wohnung, kriegst du keinen Job. Willst du staatliche Unterstützung, musst du dich bis aufs Fleisch nackig machen. Menschen sind obdachlos und leiden Hunger, und das auch in Deutschland. Wir sind alle Menschen und wir müssen uns miteinander auseinandersetzen. Neidisch auf den Gegenüber schauen, weil er mehr hat, auf ihn schimpfen, weil er sich nach eigenen Maßstäben nicht genug anstrengt, ihn verurteilen, weil er einen anderen Weg eingeschlagen hat oder, wieder nach eigenen Maßstäben, nicht genug zur Gesellschaft beiträgt, ihm nichts zutrauen, weil er ihn für dumm hält, hilft nicht weiter.
Desorientierung in einer modernen Welt und eine unsichere ökonomische Situation verstärken die Abwehr gegen Fremdgruppen, auch aus der gesellschaftlichen Mitte heraus. Es scheint nur noch darum zu gehen, die eigene Haut zu retten, völlig ohne Rücksicht auf Verluste. Wie sonst lässt es sich erklären, dass ein Teilnehmer der Kommentarediskussion bereits befürchtete, dass sofort nach Einführung des Grundeinkommens in Deutschland massenhaft (natürlich arme und faule) Menschen aus den umliegenden Staaten einwandern, um sich auf Deutschlands Kosten einen schönen Lenz zu machen? Wie sonst lässt es sich erklären, dass bis jetzt kein einziger darauf hingewiesen hat, dass das Grundeinkommen vielleicht eine große Zahl Obdachloser von der Straße holen könnte, da sie im Mietvertrag endlich ein regelmäßiges, höher als Hartz IV liegendes Einkommen eintragen könnten? [Und es läge höher, egal, ob davon in jedem Falle auch die Krankenversicherung und die Warmmiete zu bezahlen wäre, denn kein einziger Mensch wirtschaftet völlig für sich alleine. Jeder hat einen Partner, Kinder, Eltern, Geschwister und/oder andere Verwandte und Nahestehende, der Austausch von Geldmitteln innerhalb dieser sozialen Konstrukte sollte nicht unterschätzt werden.]
Ich finde es extrem erschreckend und traurig, dass die Zahl der Egoisten ins Unermessliche wächst, weder Sozialhilfeempfänger noch Gutverdiener bereit sind, sich auf den Gedanken einzulassen, dass die Menschenwürde an erster Stelle steht. Dass JEDE/R ein Recht auf einen warmen Platz zum Schlafen, genügend Essen, sauberes Wasser, Ausbildung und schlussendlich ein halbwegs glückliches Leben hat. Durch die Festsetzung eines Betrages, der JEDER Person, unabhängig vom Aussehen, der Ausbildung, des sozialen Standes, zusteht, würden Ressourcen freigesetzt, die heute, vor der Einführung des Grundeinkommens, noch niemand ermessen kann.
Ich kann mir zumindest einige vorstellen: Mehr Menschen würden sich trauen, Kinder zu bekommen. Ein Teil der Studenten könnte ihr Studium früher abschließen, weil sie es nicht durch Nebenjobs und Pflichtpraktika, die wieder Lohnausfall bedeuten, künstlich in die Länge ziehen müssten. Der Berufseinstieg fiele leichter. Die Jobsuche für (Langzeit)-Arbeitslose würde sich entspannter gestalten. Ebenso die verspätete Aus- und Weiterbildung für Schulabbrecher, Nichtausgebildete und Umsattler. Lohnverhandlungen würden gleichberechtigt ausfallen können. Arbeitsstundenmodelle würden modifiziert werden. Und die Kreativität! Mehr Bücher und Lieder würden geschrieben, mehr Photos geschossen, mehr Filme gedreht, mehr Kleider genäht, mehr Theaterstücke aufgeführt, mehr getischlert, getöpfert, gemalt.
Denn das bedeutet “bedingunglos”: Ich kann meine Miete, Strom, Gas, Heizung, Krankenversicherung, das Telefon, die Tageszeitung, Essen und Kleidung - also die Basiselemente, die in einem fortgeschrittenen Land vonnöten sind - bezahlen, ohne mir Sorgen zu machen, wie. “Wie” beinhaltet, Dokumente zusammenzusuchen, zu Ämtern oder zur Bank zu laufen, Wartezeiten und Ablehnungen einzukalkulieren usw. Und alles, was darüber hinaus an Konsumgüter- oder anderen Wünschen vorhanden ist, müsste selbst erwirtschaftet werden, was wieder mehr Eigenverantwortung [die durch das jetzige System nur in Maßen vorhanden ist] hervorruft.
4. Ich bin weder Gutmenschin, noch Christin, noch linksextrem. Ich bin Humanistin und meiner bescheidenen Meinung nach, ist es ein Skandal, dass in einem reichen Industrieland, wie der Bundesrepublik, Menschen künstlich arm und dumm gehalten werden, nur weil sie nicht ins Schema passen. Wir brauchen keine Revolution, sondern ein bisschen mehr Menschlichkeit. Das bedingungslose Grundeinkommen ist kein Allheilmittel, aber eine gute Antwort auf die Fragen, die wir uns vor 20 Jahren noch nicht stellten, uns heute aber stellen müssen.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die jetzt im Suhrkamp-Verlag erschienene, vom Institut für Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld herausgegebene Publikation Deutsche Zustände hinweisen, die heute in der Süddeutschen Zeitung rezensiert wurde. Der Artikel Wir sind Heimat Deutsche Zustände 2006: Die Fremdenfeindlichkeit wächst ist online aber leider nur für Abonnenten der SZ verfügbar.
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One Response to “Revolution der Herzen”





[…] 20, 2006 Häuserkampf! Und ich bin mittendrin! Eigentlich hatte alles ganz schön angefangen. Rolf Ehlers schreibt in der Readers Edition einenArtikel über das bedingungslose Grundeinkommen[dieses Blog berichtete], ich verfasse natürlich einen Antwortpost, der sich sowohl inhaltlich mit dem Grundeinkommen, als auch mit den zahlreichen Kommentaren befasst. Einer war mir da schon ein Dorn im Auge, nämlich Herr Costello. […]