Nostalgie ist keine Krankheit, sondern die natürliche Reaktion auf den Zustand der Sättigung
Das ging mir neulich durch den Kopf, als ich vor dem Einschlafen Regionalfernsehen aus Brandenburg schaute und danach in den fies-zittrig-nervös-kruden Indenschlaffallen-Prozess übersank.
In Brandenburg geht ganz schön was ab. Andreas Dresen hat sein Werk dem Filmmuseum Potsdam vermacht, in Vetschau geht dieser Tage eine riesige Solaranlage in Betrieb, die Auswertung einer einjährigen Evaluation in 100 Brandenburger Schulen wurde veröffentlicht [und die ist gar nicht schlecht ausgefallen]. Mein nun steigendes Interesse für die Region, aus der ich komme, kann der Einfaltspinsel mit “Huch! Ende-Zwanzig-Nostalgie!” abtun, aber das ist mir zu wenig. Die produktive Nicht-wach-nicht-Schlaf-Phase hat denn folgendes hervorgebracht.
Wenn du gerade fünfzehn geworden bist, spürst, dass irgendwie anders bist und in einer Kleinstadt in der Provinz lebst, dann hast du erstmal ein mieses Blatt in der Hand. Deine Mitmenschen können deinen Hunger nach Erkenntnissen nicht stillen, geschweige denn nachvollziehen und wenn sie dich fragen, wonach du überhaupt suchst, kannst du nicht mal sagen, was es ist. Du hast zu wenig gesehen und das Bild in deinem Kopf ist eine Mischung aus allen amerikanischen Vorabendserien und 20:15 Uhr-Filmen, die du jemals verfolgt hast. Dass du ein Außenseiter bist und nur wenige Freunde hast, ist klar, denn die menschlichen Unterschiede treten in dem Mikrokosmos Kleinstadt stärker hervor, weil eben nur so wenige Personen da sind, auf die man zurückgreifen kann. Der Drang, dem Mikrokosmos zu entfliehen, ist der Ausdruck deiner Suche nach Verbündeten.
Die Fluchtgedanken werden konkreter, je älter du wirst, denn die Kleinstadt antwortet einfach nicht auf die Fragen, die du ihr stellst. Dann schließt du die Schule ab und das ist nicht gelogen: Alle, alle, die mehr wollen, gehen weg in die großen Städte. Und alle, alle, die du schon auf der Schule blöd und langweilig fandest, bleiben in der Nähe, oder machen nur ihre Ausbildung wonanders und kehren trotzdem jedes Wochenende zurück. Du gehst in die große Stadt und willst gar nicht zurück, weil du zu sehr damit beschäftigt bist, dir das einzutrichtern, vielleicht auch nur zu kosten, was du vermisst hast, ohne dass du wusstest, dass es da ist. Das ist die Phase deiner Persönlichkeitskonsolidierung und die dauert in der Regel sehr lange. Auf deine Kleinstadt musst du nicht mehr schauen, selbstgefälliges Verhalten ist zwanghaft, denn was die Kleinstadt zu bieten hat, hattest du schon mit vierzehn vollendst erfasst. Hättest du es nicht getan, währst du ja nicht auf die Jagd nach andersartigen Abenteuern gegangen.
Wenn du dann dein Rezept des Lebens gefunden hast, geht meist noch eine Zeit ins Land, aber dann ist sie da, die Back to the roots-Periode. Das hört sich immer so schlimm an, schleimiger Nostalgiebrei, aber ich reihe mich da nicht ein. Ich gehe nicht zurück zu den Wurzeln. Die waren ja immer da, nur das Umfeld hat genervt. Alles ausprobieren heißt, erstmal keine Zeit für den Scheiß zu haben, den man sowieso schon kannte. Alles schon gesehen, warum soll ich mich damit beschäftigen? Wenn man dann für sich alles andere gesehen hat, von dem man vorher nur eine vage Vorstellung hatte, kann man doch viel besser entscheiden, was man will. Und man kann dann auch von diesen Dingen sagen, dass sie einen langweilen.
Nostalgie, die [griech.]: ([sehnsuchtsvolle] Rückwendung zu früheren Zeiten u. Erscheinungen, z.B. Musik, Kunst, Mode)
Ich leide nicht an Nostalgie dieser Art. Manchmal möchte ich schon wieder vierzehn sein und gar nichts machen müssen außer lästern, rumhängen und auf die Eltern sauer sein. Aber das sind amerikanische Vorabendserienphantasien, die nichts mit meiner reellen damaligen Teenager-Existenz zu tun haben. Wenn ich mich jetzt wieder meiner Region zuwende, dann, weil mich in der Großstadt auch nichts mehr überraschen kann.
Weil doch Sülwester ist
Mein erster Post handelte von den Errungenschaften der zehn davor liegenden Monate und einer bis Silvester-Vorschau meiner Vorhaben. Ein kurzer Rückblick:
Noch vor:
- Feeds regelmäßig vor Erreichen der 30er-Marke abarbeiten
[63, 16, 43, 1, 235, 14, 3, 122, 132, 252: das sind offene Mails abonnierter Feeds, soviel also dazu]
- Das Heim noch schöner machen
[zum Teil geschehen, aber die Ansprüche steigen, deswegen steht jetzt wieder eine Grundneuordnung an]
- Ganz viele Bücher lesen und noch schlauer werden
[ja, genau. Bis auf den Unikram hab ich’s nicht geschafft. Das hat aber auch was mit der unbefriedigenden Möbelanordnung zu tun. Zum Jahreswechsel auch eine von den zwei Zeitungen abbestellt]
- Nicht mehr drum kümmern, was andere sagen oder denken könnten
[yes!]
- Ein Mal pro Woche in der Badewanne bei Jazzmusik von Deutschlandfunk Zeitung lesen und Schmutz und Haare tiefenrein von der Haut schrabbeln
[Ein Mal im Monat]
- Die perfekten Winterschuhe finden
[yes!]
- Musik machen mit dem Kerl und anerkennen, dass es Meinungen über die eigene hinaus gibt
[einen Song geschrieben. Immer noch: Vierspur und Verstärkerbox im Arsch, keine Akustikgitarre mit Tonabnehmer (man muss ja auch essen!)]
- Mehr essen
[äh… oh, ja!]
Da eine Erfolgsquote von knapp 40% gar nicht mal übel ist, ich dann aber runtergerechnet pro Monat höchstens ein Vorhaben realisieren kann und die Quote natürlich steigern will, breche ich meine Neu-Jahres-Wunschliste auf zehn runter.
- drei Wochen United States im Sommer
- EP mit fünf Songs machen
- von 12 geplanten Comicheften wenigstens 3 fertigstellen
- scheinfrei sein
- Magisterarbeit angefangen haben
- mindestens 10 Bücher, die nichts mit der Uni zu tun haben, schaffen, von vorne bis hinten zu lesen
- Kleidungsstücke selber nähen
- meine Zeit besser einteilen
- das Heim richtig schön machen
- … [Punkt 10 enthalte ich vor, den gibts nur in der admin-Version]
Häuserkampf! Und ich bin mittendrin!
Eigentlich hatte alles ganz schön angefangen. Rolf Ehlers schreibt in der Readers Edition einen Artikel über das bedingungslose Grundeinkommen[dieses Blog berichtete], ich verfasse natürlich einen Antwortpost, der sich sowohl inhaltlich mit dem Grundeinkommen, als auch mit den zahlreichen Kommentaren befasst. Einer war mir da schon ein Dorn im Auge, nämlich Herr Costello.
Obwohl nicht beabsichtigt, wurde ich durch weitere Kommentare in der Readers Edition direkte Zielscheibe persönlicher Anfeindungen durch eben diesen Herrn. Ich weiß selbst nicht, ob ich lachen oder weinen soll, aber seht selbst.
Frau Ana am 19. Dezember um 10:42 Uhr:
@ costello
würden sie putzen gehen?
würden sie spargel stechen gehen?
würden sie müllautos fahren gehen?
sie müssen das nicht?
weil sie besser ausgebildet sind?
aber diese faulen, nichtsnutzigen, sich vor allem drückenden arbeitslosen, die sind nicht besser ausgebildet, oder?
die dürfen und müssen diese arbeiten verrichten, oder?ihre aussagen sind menschenverachtend und reaktionär.
und zudem sehr, sehr einseitig.
wenn sie einen kleinen denkanshub brauchen, bin ich ihnen gern behilflich:http://anamos.schalljugend.net/blog/2006/12/15/revolution-der-herzen/
mit humanistischen grüßen von einer kreuzberger gesinnungsgenossin
Dass ich nicht so falsch liege, merke ich, weil ich auch gleich Unterstützung von meinem current Lieblingsblogger kriege.
Herr Albert am 19. Dezember um 21:11 Uhr:
aber herr costello,
wir können uns das doch in zukunft nicht mehr leisten, dass die bevölkerung spargelstechen o.ä. geht. wir brauche das bge, damit wir die bildungsinstitutionen verbessern können, damit wir allen den zugang zur bildung ermöglichen und damit wir allen eine zukunft bieten können. wenn alle menschen an der bildung teilhaben werden und unsere bildungsinsitutionen darauf ausgerichtet werden, bei individuen”intrinsische motivationen” zu ermöglichen, dann hat europa eine zukunft. vor allem müssen wir den menschen vertrauen geben, vertrauen ist sehr wichtig. heutzutage ist das nur noch mit dem bge möglich.
versuchen sie es doch ganzheitlich zu sehen. ich blicke auf alle probleme unserer gesellschaft und sehe im bge eine lösung. nicht für alle probleme aber für sehr viele.
Die Diffamie kommt angetapst auf leisen Sohlen.
Herr Costello am 20. Dezember um 00:37 Uhr:
@Ana Mos:
Ich würde Spargel stechen usw., wenn es für mich einen finanziellen Grund dafür gäbe, wie es bei unseren polnischen Nachbarn offenbar der Fall ist. Wenn ich aber auch als arbeitloser Kreuzberger gut über die Runden käme, wäre ich ja dumm, wenn ich mich auf dem Feld oder sonstwo abrackern würde. Hätten Sie die Diskussion einigermaßen aufmerksam verfolgt, wüssten Sie das alles schon. Aber die Berliner Luft scheint das Denkvormögen massiv zu beeinträchtigen.
@Albert:
Warum, bitte sehr, können wir es uns nicht mehr leisten, dass die Bevölkerung Spargelstechen geht? Auf dem Feld zu arbeiten ist eine der sinnvollsten Arbeiten überhaupt, oder lebst du von Luft und Liebe? Und es ist doch Humbug, dass heute nicht jeder Zugang zur Bildung hätte. Noch vor dreißig Jahren gab es prozentual viel weniger Abiturienten oder Studenten als heute.
Aber das Netzwerk ist unerschütterlich! Überall Freunde!
Herr Hinz und Kunz am 20. Dezember um 00:56 Uhr:
Liebe Nachbarin Ana Mos!
Klopf mal auf den Fußboden, wenn du magst: zwei mal. Wohlmöglich wohnen wir im selben Haus?
2. Mitternachtsgruß aus Kreuzberg (36) nach Kreuzberg (?)
Hinz und Kunz
Und wer wäre ich denn, wenn ich das nicht wertschätzte! Und Herr Costello kriegt trotzdem seinen Senf.
Frau Ana am 20. Dezember um 10:18 Uhr:
@ hinz und kunz
36 ist doch klar, mit zauberhaftem, erste-reihe-blick auf den schauplatz der alljährlichen steineschmeißaktionen…
![]()
@ costello
ich weiß ja nicht recht, ob sie reaktionismus zu ihrem lebenskonzept erkoren haben, es scheint mir fast so. mir ist die tragweite ihrer argumentation und die dieser diskussion bekannt, es ist also unnötig, darauf zu spekulieren, dass ich sie nicht verfolgt hätte.
was mich explizit stört, sind die ansichten, die sie vertreten und die so eindeutig aus ihren aussagen herauszulesen sind: ihr nationalismus, konservativismus, rassismus & wirtschaftsliberalismus.
ihre einzigen argumente bestehen darin, nur die schlechtesten eigenschaften in allen menschen vorauszusetzen.
alle menschen sind für sie per se dumm, faul & unmotiviert und sie entschuldigen, dass ich mich dagegen aussprechen muss, da ich ganz und gar nicht dieser meinung bin.
ich weiß nicht, was sie für ein mensch sind und bin längst aus dem alter heraus, in dem ich mir anmaße, vorschnelle schlüsse zu ziehen. deswegen kann ich nicht einschätzen, weswegen sie ihre überzeugungen entwickelt haben.
ich schlage dennoch vor, ‘linke traumtänzer” nicht von vorneherein abzukanzeln. in bezug auf liebe zu sich selbst, anderen und der welt, in der wir leben, kann zumindest ICH ihnen noch einige nette anregungen geben.
und das BGE hat mit diesem gedanken weit mehr zu tun, als sie jetzt vielleicht annehmen.
Und jetzt kommt’s. Haltet euch lieber fest, denn es wird hart und dreckig.
Herr Costello am 20. Dezember um 18:24 Uhr:
@Ana Mos:
Sie sind wirklich eine Lachnummer. Einerseits reden Sie vom Gutem im Menschen, andererseits führen Sie sich so gehässig und ungerecht auf, dass ich keine Probleme habe, Sie mir vor 65 Jahren als hohlwangige Chefanklägerin mit flackerndem Blick im Volksgerichtshof Ihrer Heimatstadt vorzustellen.
Aber ich sollte mich nicht auf eine Stufe der Polemik mit Ihnen begeben. Bezeichnend jedenfalls, dass Sie es nicht geschafft haben, auch nur auf eine meiner konkreten Fragen sinnvoll zu antworten oder etwas anders abzusondern als Gutmenschphrasen.
Und zu Hilfe eilt: Herr Friedrich am 20. Dezember um 18:48 Uhr:
@Costello versus Anna Mos:
Persönliche Beleidigungen sind argumentative Bankrotterklärungen, wenn ich das mal polemisch so sagen darf …
Oh, oh, oh. Was habe ich nur heraufbeschworen?! Die schlimmsten Sehnsüchte und Gefühlsrankungen kann ich in den Menschen erwecken, so dass ich mich frage, ob es nicht gut wäre, in diesem Land eine Militärdiktatur einzurichten. Meine Feinde lasse ich dann einfach köpfen.
Oder ich mache eine Hippie-Insel irgendwo im Pazifik. Wir halten uns den ganzen Tag an den Händen, flechten Zöpfe ins wallende Haar und singen “Put a little love in your heart“.
Dass ich Herrn Costello eine Absage erteilt habe, sich weiter mit mir zu streiten, ist ja wohl klar.
An dieser Stelle sei noch einmal allen Mitstreitern gedankt! Und mit kindlichem Staunen bemerkt, dass ich noch nie eine Versus war.
[I dedicate this post to Mr. Costello who made me adjust a new category just for this one post: I’m glad to be a Gutmenschin]
Top 7: Heute: Weihnachtsfilme
7. Love Actually (UK/USA 2003)

6. The Muppet Christmas Carol (USA 1992)

5. Gremlins (USA 1984)

4. It’s a wonderful life (USA 1946)

3. Home Alone (USA 1990)

2. National Lampoon’s Christmas Vacation (USA 1989)

1. Scrooged (USA 1988)

[Gibt es eigentlich irgendwo im Netz die hervorragende Rede von Bill Murray am Ende vom Film?]
Blog ist Pop
Die Universität Leipzig - mit Unterstützung von ask.com - führt jetzt eine Studie durch, um herauszufinden, welchen Einfluss Blogs inzwischen auf die öffentliche Meinungsbildung haben und ob sie dabei und vor allem in der Lage sind, traditionelle journalistische Institutionen abzulösen.
Dafür ist auf blogstudie2007 eine Umfrage mit 19 Fragen geschaltet, die Grundlage für die Auswertung sind. Es fängt an mit der allgemeinen Internetnutzung, und geht danach direkt über in die Blogosphäre.
Eine Frage verstehe ich dabei nicht oder vielleicht will ich sie auch nicht verstehen:
Blogs sind in Deutschland immernoch ein “Insiderthema”. Könnten Sie sich vorstellen, dass Blogs mehr genutzt werden, wenn…?
- die Benutzerfreundlichkeit erhöht werden würde
- ich Blogs automatisch per RSS-Feed (abonnierbare Inhalte) bekommen würde
- ich mit Suchmaschinen für mich relevante Blogs leichter finden würde
- wenn ich per Newsletter über Blogs informiert werden würde
- wenn es ein Online-Blogmagazin gäbe
Für wen soll diese Umfrage eigentlich sein? Regelmäßige Blogger/innen beschweren sich wohl kaum über mangelnde Benutzerfreundlichkeit, Feeds kann man abonnieren und technorati kennt wohl auch jeder. Was also soll das? Eine Frage-Antwort-Spiel für Keine-Ahnung-Haber? Wer sich für Blogs interessiert, interessiert sich für Blogs und wird diese Dinge nicht monieren. Wer sich für Blogs interessiert, aber keinen Handschlag tun will, der hat hier auch nichts zu suchen. Weiterbildung okay, ich bin auch nicht so ein Nazi, der Insiderkram super findet, solange es keiner kennt. Aber was soll diese Debatte dann für einen Sinn haben? Blogs in die Feuilletons zerren, die Wirtschaftlichkeit entdecken und sie - wie alle Untergrundbewegungen - in das kalte Neonlicht der Absatzmärkte schubsen?
Wenn das der Fall sein sollte, dann nein danke, liebe Uni Leipzig. Blogs sind Pop und wer nicht dabei ist, kapiert es nicht. Und wenn er noch soviele wissenschaftliche Untersuchungen anstrengt.
Revolution der Herzen
Sehr ausführlicher, sehr gut recherchierter und geschriebener Artikel von Rolf Ehlers über das bedingungslose Grundeinkommen in der Readers Edition. [via albert]
Was mich dann doch wahrlich erstaunt hat, war wie sich in den Kommentaren gegenseitig die Köpfe eingeschlagen werden, wie teils sehr vernünftig, teils sehr haarsträubend argumentiert wird und doch so viele elementare Dinge nicht mal annähernd ins Blickfeld rücken.
1. Jene, die behaupten, es sei nichts mehr von den Menschen zu erwarten, wenn sie erst ein menschenwürdiges Einkommen erhielten, entblößen sich selbst als Faultier, denn auf solche Gedanken kommt man nur, wenn man selbst Sofakartoffel-Verhalten der Betätigung vorzöge. Das hat Götz W. Werner schon vor mehr als zehn Jahren festgestellt.
Unterschiedliche Arbeitsanforderungen verlangen nach unterschiedlich ausgebildeten Personen. Wer nur einen Hauptschulabschluss, vielleicht nicht mal eine Ausbildung hat, wird sich auf die “unangenehmen” Jobs bewerben müssen, denn für einen Chirurgen- oder ähnlichen Posten wird er wohl kaum geeignet sein. Desweiteren bietet das Grundeinkommen in dieser Hinsicht auch die Möglichkeit, mit den klassischen Modellen Vollzeit, Halbtag oder geringbeschäftigt zu brechen. Dass niemand mehr arbeiten würde, ist eine Fehleinschätzung. Dass aber viele gern nicht soviel arbeiten möchten, ist eine Tatsache. Gäbe man den Menschen, durch das in jedem Fall gesicherte Grundeinkommen, die Möglichkeit, sich nur 15 oder 20 Stunden pro Woche zu betätigen und trotzdem ein angenehmes Leben zu haben, das beide Aspekte, Arbeit und Faulheit, enthält, bin ich der festen Überzeugung, dass das Modell Grundeinkommen funktionierte.
2. Was nur haben soviele Menschen für eine Vorstellung von Arbeit? Sicher zählen offensichtliche Jobs dazu [Straßen bauen, Waren an der Kasse über den Scanner ziehen, Müllautos fahren usw.]. Eine Tatsache ist es ebenfalls, dass der traditionelle Arbeitsmarkt in seinen Umfängen schrumpft, weil wir Menschen es uns durch Automatisierung sehr bequem gemacht haben. Aber bergen nicht die daraus zwangsläufig im Übermaß vorhandenen Tätigkeiten, das vermeintliche “Freizeitverhalten”, ein enorm großes Potenzial? Auch das beinhaltet der Gedanke des Grundeinkommens: ein verändertes Verständnis von Arbeit zu schaffen.
Bloggen ist Arbeit. Kinder erziehen ist Arbeit. Studieren ist Arbeit. Kranke Angehörige zu pflegen ist Arbeit. Musik machen ist Arbeit. Diese Liste bis ins Unendliche weiterzuführen ist ebenfalls Arbeit… Es geht auch um die Anerkennung von Tätigkeiten, die heute nur als “einer muss es ja machen” oder “das kann ich nur in meiner Freizeit machen” gelten, um die Anerkennung von Tätigkeiten, die völlig abseits des traditionellen Arbeitsmarktes existieren. Die zur Erkenntnisfindung, zur Ausgestaltung und überhaupten Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Strukturen beitragen und dennoch nicht entlöhnt werden.
3. Der Mangel an Humanismus [den unsere Vorfahren und wir uns schwer erkämpft haben] in dieser Debatte erschreckt mich. Hast du keinen Job, kriegst du keine Wohnung. Hast du keine Wohnung, kriegst du keinen Job. Willst du staatliche Unterstützung, musst du dich bis aufs Fleisch nackig machen. Menschen sind obdachlos und leiden Hunger, und das auch in Deutschland. Wir sind alle Menschen und wir müssen uns miteinander auseinandersetzen. Neidisch auf den Gegenüber schauen, weil er mehr hat, auf ihn schimpfen, weil er sich nach eigenen Maßstäben nicht genug anstrengt, ihn verurteilen, weil er einen anderen Weg eingeschlagen hat oder, wieder nach eigenen Maßstäben, nicht genug zur Gesellschaft beiträgt, ihm nichts zutrauen, weil er ihn für dumm hält, hilft nicht weiter.
Desorientierung in einer modernen Welt und eine unsichere ökonomische Situation verstärken die Abwehr gegen Fremdgruppen, auch aus der gesellschaftlichen Mitte heraus. Es scheint nur noch darum zu gehen, die eigene Haut zu retten, völlig ohne Rücksicht auf Verluste. Wie sonst lässt es sich erklären, dass ein Teilnehmer der Kommentarediskussion bereits befürchtete, dass sofort nach Einführung des Grundeinkommens in Deutschland massenhaft (natürlich arme und faule) Menschen aus den umliegenden Staaten einwandern, um sich auf Deutschlands Kosten einen schönen Lenz zu machen? Wie sonst lässt es sich erklären, dass bis jetzt kein einziger darauf hingewiesen hat, dass das Grundeinkommen vielleicht eine große Zahl Obdachloser von der Straße holen könnte, da sie im Mietvertrag endlich ein regelmäßiges, höher als Hartz IV liegendes Einkommen eintragen könnten? [Und es läge höher, egal, ob davon in jedem Falle auch die Krankenversicherung und die Warmmiete zu bezahlen wäre, denn kein einziger Mensch wirtschaftet völlig für sich alleine. Jeder hat einen Partner, Kinder, Eltern, Geschwister und/oder andere Verwandte und Nahestehende, der Austausch von Geldmitteln innerhalb dieser sozialen Konstrukte sollte nicht unterschätzt werden.]
Ich finde es extrem erschreckend und traurig, dass die Zahl der Egoisten ins Unermessliche wächst, weder Sozialhilfeempfänger noch Gutverdiener bereit sind, sich auf den Gedanken einzulassen, dass die Menschenwürde an erster Stelle steht. Dass JEDE/R ein Recht auf einen warmen Platz zum Schlafen, genügend Essen, sauberes Wasser, Ausbildung und schlussendlich ein halbwegs glückliches Leben hat. Durch die Festsetzung eines Betrages, der JEDER Person, unabhängig vom Aussehen, der Ausbildung, des sozialen Standes, zusteht, würden Ressourcen freigesetzt, die heute, vor der Einführung des Grundeinkommens, noch niemand ermessen kann.
Ich kann mir zumindest einige vorstellen: Mehr Menschen würden sich trauen, Kinder zu bekommen. Ein Teil der Studenten könnte ihr Studium früher abschließen, weil sie es nicht durch Nebenjobs und Pflichtpraktika, die wieder Lohnausfall bedeuten, künstlich in die Länge ziehen müssten. Der Berufseinstieg fiele leichter. Die Jobsuche für (Langzeit)-Arbeitslose würde sich entspannter gestalten. Ebenso die verspätete Aus- und Weiterbildung für Schulabbrecher, Nichtausgebildete und Umsattler. Lohnverhandlungen würden gleichberechtigt ausfallen können. Arbeitsstundenmodelle würden modifiziert werden. Und die Kreativität! Mehr Bücher und Lieder würden geschrieben, mehr Photos geschossen, mehr Filme gedreht, mehr Kleider genäht, mehr Theaterstücke aufgeführt, mehr getischlert, getöpfert, gemalt.
Denn das bedeutet “bedingunglos”: Ich kann meine Miete, Strom, Gas, Heizung, Krankenversicherung, das Telefon, die Tageszeitung, Essen und Kleidung - also die Basiselemente, die in einem fortgeschrittenen Land vonnöten sind - bezahlen, ohne mir Sorgen zu machen, wie. “Wie” beinhaltet, Dokumente zusammenzusuchen, zu Ämtern oder zur Bank zu laufen, Wartezeiten und Ablehnungen einzukalkulieren usw. Und alles, was darüber hinaus an Konsumgüter- oder anderen Wünschen vorhanden ist, müsste selbst erwirtschaftet werden, was wieder mehr Eigenverantwortung [die durch das jetzige System nur in Maßen vorhanden ist] hervorruft.
4. Ich bin weder Gutmenschin, noch Christin, noch linksextrem. Ich bin Humanistin und meiner bescheidenen Meinung nach, ist es ein Skandal, dass in einem reichen Industrieland, wie der Bundesrepublik, Menschen künstlich arm und dumm gehalten werden, nur weil sie nicht ins Schema passen. Wir brauchen keine Revolution, sondern ein bisschen mehr Menschlichkeit. Das bedingungslose Grundeinkommen ist kein Allheilmittel, aber eine gute Antwort auf die Fragen, die wir uns vor 20 Jahren noch nicht stellten, uns heute aber stellen müssen.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die jetzt im Suhrkamp-Verlag erschienene, vom Institut für Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld herausgegebene Publikation Deutsche Zustände hinweisen, die heute in der Süddeutschen Zeitung rezensiert wurde. Der Artikel Wir sind Heimat Deutsche Zustände 2006: Die Fremdenfeindlichkeit wächst ist online aber leider nur für Abonnenten der SZ verfügbar.




